Das Apple-Event ist zu Ende. Meine Twitter-Timeline wird vermutlich überhäuft mit Witzen, Häme und vielen Kommentaren. Ernüchterung macht sich breit. Zumindest bei den Innovators – also der frühsten Sektion einer Zielgruppe. Die Leute, die ganz vorn dabei sind. Vornehmlich Techblogger und Live-Ticker Camper. Sascha Pallenberg schreibt, dass iPhone 4S sei gewöhnlich. Womöglich hat er Recht. Ich denke, dass ist auch gut so!

Früchte ernten, wenn die Zeit reif ist

Schritt für Schritt

Ich will nicht groß beschreiben, was Apple in den letzten 4-5 Jahren auf die Beine gestellt hat. Es sind ganze Märkte entstanden. Apple hat langfristig viele Veränderungen gebracht, die auch noch weit in die Ferne reichen werden. Zum Beispiel mit dem iPad und AppleTV interaktive Dinge zu erleben. Die Geräte miteinander zu kombinieren. Dies ist teilweise noch Zukunftsmusik. Nicht nur auf Apple-Basis sondern als gewöhnliche Wohnzimmer-Erscheinung.

Die TechBlogger sind auch Meinungsmacher. Das (Luxus)Problem, welches Apple umgibt, ist nicht ob die Technik bereit ist. Die Frage ist: Wann ist der Markt dafür bereit? Ich meine nicht die 5% Geeks, sondern die 95% Normalverbraucher. Diese Leute müssen bereit sein, eine Umstellung zu machen. Es braucht nun mal länger, bis sich Verhaltensmuster und Informationen in der Fläche verbreitet haben. Allein von Verhaltensmustern zu sprechen ist schon verrückt.

Gewohnheiten

Nehmen wir die Twitter-Integration in iOS 5. Die Menschen sind es gewohnt, nicht mehr überall SMS zu benutzen. Sie nutzen Dienste wie WhatsApp. Der Massenmarkt hat sich also daran gewöhnt, dass SMS nicht die einzige Lösung für Textnachrichten ist. Die Kunst ist, die Früchte zu ernten, wenn sie reif sind.

Ich kann verstehen, dass viele technisch versierte Nutzer enttäuscht sind. Die Android-Gemeinde kann man ausblenden. Das ist umgekehrt ähnlich. Nickeligkeit gibt zwischen rot oder grün nicht erst seit 10 oder 20 Jahren. Bayern – Werder. VW – Opel. Mercedes – BMW. Boeing – Airbus. Pepsi – Coca-Cola. Nike – Adidas. Windows – OSX. Mit der Liste könnte man einen eigenen Blog füllen.

Alles zu seiner Zeit

Die Frage, die man sich im Hause Apple also stellen muss: Ist der Markt bereit für den nächsten Schritt? Sind die Nutzer bereit für Hoverboards? In der Vergangenheit kam »der nächste Schritt« meist, wenn man das Gefühl hatte, es ist überfällig. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass wir in 2. Reihe sitzen. Manchmal auch in der 1. Reihe. Wenn es nach mir geht, hätte die Twitter-Integration mit iOS 2 kommen können. Ich wäre dafür bereit gewesen. Der Markt jedoch nicht.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass ein Upgrade-Zwischenschritt nicht schädlich sein muss. Das iPhone 3GS erfreut sich nach wie vor großer Nachfrage. Es ist sicher ein Gerät, was viele bei der Stange gehalten hat. Oder was Smartphone-Neulingen den Weg ebnet, weil sie sich erst mal ein gebrauchtes Gerät im Auktionshaus seines Vertrauens ersteigern. Die Verkaufszahlen für das iPhone 4 waren dennoch vorzeigbar.

Den Kontakt nicht verlieren

Der Schritt ein Speed zu bringen, ist daher vielleicht klüger als ein Produktname mit der 5. Ein gewöhnliche Konsument wird sich am Produktnamen orientieren. Er wird erkennen, dass ein iPhone 4 nicht so uralt ist. Das neueste Modell heißt eben nur iPhone 4S. Das Gefühl noch nicht auf dem brechenden Ast zu sitzen, ist sehr wichtig. Andernfalls könnte die Stimulation des Marktes schnell kippen. Die Kunden suchen sich andere Modelle, da sie dem Aktualisierungswahn nicht mehr folgen können.

Dieses Phänomen sollte jeder Techie kennen. Jede Mal wenn jemand aus dem Bekanntenkreis anruft. Ist mein PC noch aktuell genug? Kann der das? Kann mein Router das? Ist dieses Gerät nicht zu alt dafür? Ihr kennt die Fragen, die gern mit einem »Mach dir keine Sorgen, dass funktioniert ohne Probleme« beantwortet. Der Nicht-Techie interessiert sich nicht für diese Details.

Wenn man Probleme hat, wie die Produktbezeichnung ist, dann scheint es einem recht gut zu gehen. Dem Konsumenten wird es egal sein, er hat so ein iPhone-Ding. Das darf nur so viel können, wir er verstehen kann und etwas mehr auf komfortable Weise. Vielleicht ist dies auch die ersehnte Chance, dass eine komplette Industrie aus ihrer Innovationsangst ablegt.

Die Kluft zwischen Nutzer und Innovation darf nicht zu groß werden, sonst überfordert sie ihn. Dieses Problem dürfte in den letzten Wochen viele betroffen haben. Zumindest wenn man einen Facebook-Account besitzt und versucht Timeline, extended OpenGraph und Graph API auseinander zu halten. Oder möchte jemand bestreiten, dass viele Facebook für zu kompliziert halten?