Ich denke als Pflicht eines Bloggers gehört es dazu, wenigstens einmal im Jahr, an einer Parade teilzunehmen. Der Tradition wegen. So stieß ich heute Morgen über die Parade von Wenke Richter, die sich mit den Umgangsformen im Social Web beschäftigt. Ein Grund für mich schon mal zu seufzen und voll verurteilt den Text zu lesen. Meine Erwartungen wurden größtenteils erfüllt. Macht aber nichts, im Gegenzug bin ich völlig ein wenig am Thema vorbei gerutscht.

Es passt ein wenig in die Diskussion um Google+, ob ich mit einem Klarnamen schreiben muss oder kann. Ich finde die Diskussion genauso müßig, wie das ständige drehen im Kreise über Umgangsformen im Internet. Klar, ich habe in diesem Punkt vielleicht meine Erfahrungen auch gemacht, als noch niemand hingesehen hat. Was damals bei AOL und Geocity abging … war richtig übel. Wer mal aktiv einen Gaming-Server besucht hat, wird sich bei der Tonalität eines Shitstorms entspannt noch mal umdrehen. Oder aber der Bedeutung von kackb00n im Klaren sein. (Erläuterung des Wortes Kackboon in deutsch oder in englisch mit Ursprung)

Ich mag aber weder in der Vergangenheit schwelgen noch mich über meine Diskussionspartner stellen. Das gehört sich nicht. Und damit beginnen wir schon. Es kommt nicht darauf an, wie eloquent ich meine Worte wähle, um eine Botschaft zu übermitteln. Eine aufgequollene Meinungsäußerung hat selten etwas mit einer geistigen Höchstleistung zu tun. Da helfen auch keine 87 Füllwörter in einem 100 Wörter Text. “Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten“, der vermutlich klügste Satz, den Dieter Nuhr jemals gesprochen hat.

Ich muss meine Worte und meine Meinung also verpacken. Dies behauptet zumindest immer die gleiche Sparte von „Typen“. Wieso muss ich das überhaupt? Ich denke, ich kann mich so artikulieren, wie ich es für richtig halte, oder nicht? Sind diese Spinner nicht dieselben Vollpfosten, die sonst völlig vernebelt von Weihrauch durch das Web stampfen um zu propagieren: „Sei Du selbst und alles wird gut. Schreibe nichts ins Internet, was Du nicht auch offline jemandem ins Gesicht sagen würdest.“

Das ist doch das Problem. Ich würde euch ein „Komm – verpiss dich, geh weiter“ auch ins Gesicht sagen. Passiert halt mal, wenn ich schlechte Laune habe. Ich vermag ja gar nicht verschweigen, dass ich mich mal hier und da im Ton vergriffen habe. Das Problem der Profilneurotiker ist doch, und dass ist das Problem mit der Meinungshoheit, denn darum geht es ja viel öfter in Diskussionen: Ignoranz. Sascha Lobo geht in seiner diesjährigen »Jüngste Erkenntnisse zur Trollforschung« auf diese Tatsache ein.

Jeder sollte sich, egal wo, so ausdrücken wie es ihm beliebt. Ob mir das nun schmeckt oder nicht, sei mal dahin gestellt. Es gibt dem Sprechenden einfach die Möglichkeit sich so auszudrücken, wie er es am besten kann. Ob das nun jemandem schmeckt, der die Hose mit der Kneifzange zusagt – herrje … was ändert dass prinzipiell an der Aussage? Wenn ich jemandem sagen, dass er ein Spast ist, dann wird ihm das ähnlich missfallen als wenn ich ihm gegenüber äußere, dass wir nicht miteinander harmonieren.

Insgesamt hat dieses Spielchen viele Analogien zur realen Welt. Es ist ein Spiel, den Leuten, die einen weiterbringen könnten zu gefallen. In der Schule, an der Uni oder später im Job – es ist immer das Gleiche von Wasser predigen und Wein saufen. Wie kommt es denn sonst zu derartigen Vorfällen, wie z.B. ERGO-Veranstaltungen? Dort ist der Pöbel in der Regel nicht zu finden, die auf die man diese „geschmacklose“ Umgangsform abschieben mag. Die „Asozialen“, die immer gleich persönlich angreifen.

Das größte Problem, welches ich sehe ist eben diese Doppelmoral. Angenommen da kommt jemand vom „Typus“ Arschkriecher und fühlt sich angegriffen und angesprochen, die gewählte Wortwahl ist jedoch nicht die seinige – ich weiß doch jetzt schon was passiert. Dem vermeidlich Dummen sagt man nach, wenn die verbalen Argumente ausgehen folgen die Ausdrücke. Der Internet-Superuser, vornehmlich nach 2005 online gekommen, hat ein Totschlagargument: Rechtschreibung und Interpunktion. Es ist eine immer wiederkehrende Phrase von Leuten, denen die Argumente ausgegangen sind. In diesem Text werden sich sicherlich auch einige Rechtschreib- als auch Interpunktionsfehler wiederfinden. Macht aber nichts. Wenn es dir nicht passt, klick doch einfach schließen. Ich vermute jedoch, dass dein Geltungsbedürfnis derartig groß ist, das dir »leben und leben lassen« in der Ausführung schwer fallen wird.

Der Ton macht die Musik. Klar. Und ich finde es gut und richtig, dass sich in diesem auch mal vergriffen wird. Unsere Welt ist nicht so, wie sie von Stromberg beschrieben wird. Unsere Welt ist nicht heile, heile, Hitler. Warum versucht man also eine künstliche Diskussionsebene zu schaffen? Ich finde es wichtig uns mit Typen auseinander zu setzen, die gegen jede Regel verstoßen. Diesen Typen, mit denen wir uns im echten Leben eben nicht an einen Tisch setzen würden. Nur das Fremde schafft Toleranz. Und ich muss zugeben, dass kann mitunter echt spannend sein.

Es gibt auch im wahren Leben Menschen, die uns von ihrer Ausdrucksweise zusagen und weniger zusagen. Die erst einmal volles Rohr lospöbeln – das spannende an diesen Leuten ist, wenn sie ihren Blutrausch beendet haben, haben sie in der Regel auch wirklich wichtige Dinge anzubringen.

So genug gepöbelt. Eine anständige Netiquette findet ihr übrigens bei GREY oder bei Daimler. Das wird euch Milchmädchen dann auch berechtigen alles dass zu löschen, was euch nicht in den Kram passt. (für den Halbprimaten heißt das, dass ich den Unternehmen nicht unterstelle, dies zu tun) Das ist dann gar keine Zensur – stand ja da “3×3 macht 6…widdewiddewitt und 3 macht Neune

Seth Godin schrieb letztes Jahr in seinem Blog: Wer niemandem auf den Schlips tritt, wird auch nichts verändern. Aber verändern, dass tun ohnehin nur ganz wenige.