Offener Brief an Herrn Frank Schmiechen

geschrieben am 6.Juli 2010


Eigentlich wollte ich die Woche einen Artikel schreiben, der da heißen sollte „Blogger – eine drei Klassengesellschaft“. Ich las dann allerdings den Blogpost von Herrn Schmiechen und in dem Moment kam per Twitter rein „Alle sagten “Das geht nicht” … und dann kam einer, der das nicht wusste und hat’s einfach gemacht.“ (via @Chaitanyo2). Deswegen schreibe ich diese Zeilen, auch wenn “das nicht geht”.

Sehr geehrter Herr Schmiechen,

mit großem Interesse las ich Ihren Blogpost. Nicht weil Sie so schön schreiben können, sondern weil es mich interessiert wie jemand in ihrer Position tickt. Ich bin wissensgierig und schaue gern hinter die Kulissen. In Ihren Punkten schildern Sie die Alltäglichkeit des Internets, woraus ich Ihnen etwas Naivität unterstelle. Wobei es das gar nicht sein wird. Das Unterschied zum „normalen“ Leben ist, so stelle ich mir das als Provinz-Ei vor: Im Internet sind Sie genau so ein „Typ“, wie jeder andere auch. Im Rausch der Masse wird es immer Leute geben, die Ihnen unzensiert die Meinung geigen mit Allem was dazu gehört. Das werden Sie auch nicht verhindern können.

Kein Ross. Keine Extrawurst aufgrund irgendwelcher Titel, Positionen oder etwaige Statuseigenschaften. Sie können hier nicht einfach hereinspazieren und sagen „Hallo ich bin vom Axel Springer Verlag, ich bin wichtig“. Sicherlich ein Großteil der Leute wird Ihnen, wie Sie es gewohnt sind, Honig ums Maul schmieren. Ganz ehrlich? Ist mir gleichgültig, wenn Sie im Weg stehen, dann gehen Sie halt bitte weiter.

Wann haben Sie sich das letzte Mal mit jemandem Fremden online unterhalten, der nicht mindestens im mittleren Management sitzt? Was ich damit sagen will: Es kollidieren Welten aufeinander. Zwischen dem „Fußvolk“ und den Schlipsträgern. Klar, Sie wären allein durch Ihre Position stärker wahrgenommen und haben auch viele Befürworter. Aber eben genauso viele, die Sie ähnlich stark genau deswegen nicht leiden können. Idioten gibt es mehr als genug auf der Welt. Sie vielleicht. Ich bin vielleicht einer, weil ich diesen Text hier schreibe. Nur mache ich mir daraus nichts.

Wissen Sie, Herr Schmiechen, was das eigentliche Problem ist? Das sind nicht Sie oder ich. Das ist die Klassenbildung in den Köpfen der Leute. Sie sind nichts „Besseres“ nur weil Sie evtl. mein Jahresgehalt im Monat nach Hause schleppen. Machen wir uns aber auch nichts vor, in ihrem Mikrokosmos gibt es noch viele Andere. Einige die sich damit profilieren, andere die Sie brauchen und wenige, die Sie einfach nur kennen. Genau von dieser Fraktion werden Sie Beifall bekommen, Kommentare ernten – positiv wie negativ. Das ist die obere Klasse, ohne das Böse zu meinen. Aber diese Leute unterhalten sich mit mir nicht, auch nicht wenn ich nur eine einfache Frage habe. Bis auf einer – Sascha Lobo, den muss ich hier klar hervorheben. Nicht weil ich Ihn toll finde, ich kenne Ihn ebenfalls nicht, sondern weil er der Einzige war, der im Stande ist, auf eine simple E-Mail eine simple Antwort zu schreiben. Ja natürlich, im Placebo-Geblubber der selbsternannten Top20 ist das eine Selbstverständlichkeit. Scheiße was ist, Sie glauben doch nicht im Ernst, dass auch nur einer von seiner arroganten Leiter klettern würde. Beispiele kann ich Ihnen da aus dem Stehgreif mindestens fünf nennen, nur aus den letzten 3 Monaten.

Ich mein, Sie sind nun Blogger. Haben drei Einträge im Blog. Sowas nennt man Newbie, n00b oder ganz herb kackb00n. Bevor Sie anfangen um sich zu schlagen, backen Sie doch wie jeder Anfänger erst mal kleine Brötchen. Es ist nur ein Vorschlag, die von Ihnen angesprochenen Kritikpunkte (die Liste) – Sorry, das hat sich in den letzten 15 Jahren Internet nicht geändert. Was soll ich sagen? Eignen sie sich ein dickes Fell an und Sie werden ein Gespür dafür finden, worauf Sie reagieren sollten und worauf nicht. Eigentlich sollten Sie das aus dem Job kennen, nur ist hier das Druckmittel mit der Position nicht vorhanden. Was ich sagen will, wir befinden uns im Jahre 2010 und es werden Grundverhaltensregeln des Internets diskutiert? Da werden viele hinter vorgehaltener Hand nur mit dem Kopf schütteln, Sie werden es Ihnen aber nicht sagen.

Ich möchte Ihnen aber auch sagen, warum meine Kritik an der WeltKompakt Scroll Edition so diplomatisch ausgefallen ist. Aus Respekt. Nicht vor Ihnen, nicht vor dem Axel Springer Verlag – sondern vor den Bloggern, die sich zur Verfügung gestellt haben und damit nicht nur Mut bewiesen haben. Sie haben auch Ihre Reputation auf’s Spiel gesetzt. Wobei „Reputation“ auch eine äußerst schöne Luftblase zum Aufspielen ist. Hätte ich gleich gewusst, dass das Design, welches ich nicht befürworte, von Ihnen ist, wäre meine Kritik schärfer ausgefallen. Das war nichts.

Das Schöne ist ja nun unter uns „Bloggern“ – darf ich Sie eigentlich mit mir vergleichen? Nein oder? Haben Sie schon mehr Besucher als ich? Wie groß ist wohl Ihr ePenis? Genug spitze Fragen. Das Schöne: Ich kann meine Meinung in den Eta blasen, ob’s Ihnen nun gefällt oder nicht. Der Unterschied zum normalen Leben ist, dass ich für Sie nicht tastbar bin. Klar, Sie können mich verklagen, weil ich unfreundlich war. Ich werde dafür eine für mich nicht unerhebliche Summe zahlen, aber würde meine Meinung nicht ändern. Sie können nicht lospoltern und mir meinen Job unbequem machen. Ich kann nicht einschätzen, ob Sie so ein Typ Mensch sind – wie gesagt, wir kennen uns nicht. Ich denke aber Sie werden verstehen, was ich meine.

Ich schreibe Ihnen diese Zeilen auch nicht, weil ich mich in Ihrem Schatten sonnen möchte, sondern weil mir das ständige – entschuldigen Sie – Arschgekrieche auf den Sack geht. Die Welt ist daran nicht schuld, dass Ihnen scheinbar noch einige Erfahrungen im Web fehlen. Dafür können Sie nichts und ich schon gar nicht.

Ich ziehen den Hut vor Ihnen für die Scroll Edition, auch wenn ich nicht weiß, wie anstrengend es bei Ihnen im Hause war, die Aktion durchzuboxen. Vielleicht mischen Sie sich irgendwann mal Inkognito unters Volk und sehen: So böse sind „die“ eigentlich nicht. Ich könnte mir das gut vorstellen, Sie in Bermuda-Shorts, ich in Latschen. Bevor Sie mir einen innerlichen Vogel zeigen, ich bin hobbymäßiger Visionär, ich lebe von meinen schrägen Ideen. Ich denke, Sie haben noch einen harten langen Weg vor sich, aber Sie sind so was wie ein early adopter – und die ernten in der Regel am Größten ab.

Herr Schmiechen, ich wünsche Ihnen für weitere Experimente jeglicher Art alles Gute, viel Glück und den ersehnten Erfolg.

George Orwell schrieb einmal „Falls Freiheit überhaupt irgendwas bedeutet, dann bedeutet Sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.

In diesem Sinne, mit den besten Grüßen,
Kai Thrun

PS: Zur Vervollständigung die 3 Klassen.
Die selbsternannten Top 20
Leute, wie ich, die einen Mikrokosmos bewirtschaften
Leute, die in meinem Mikrokosmos leben und zu mir aufschauen (was natürlich kompletter Quark ist)