Welt Online: 2.Offener Brief an Herrn Schmiechen

geschrieben am 8.Dezember 2010


Ich habe eben einen Artikel auf Welt Online gelesen, den ich auf Twitter beschrieb mit “Ab dem 4. Absatz schafft es die Welt Online ihre geistige Umnachtung in Worte zu fassen”. Es geht um den Artikel von Herrn Claus Christian Malzahn mit dem Titel “Die Verhaftung bringt Assange zurück in die Realität”.

Sehr geehrter Herr Schmiechen,

ich bin es wieder. Ihr heimlicher Fanpost-Schreiberling. Sie werden sich erinnern, ich habe Sie unter scharfe Kritik genommen, in dem ersten Brief, als Sie sich über die Eigentümlichkeiten des Internets beschwert haben. Ich weiß, Sie haben den Artikel nicht verfasst, aber Sie sind leider Opfer meines Erfolgs. Scheinbar liest man mich in ihrem Hause sehr gern. Sie sind mein imaginärer Ansprechpartner und als Teil der Chefredaktion sehe ich da durchaus eine Verbindung. Im Übrigens könnte dies auch ein Anfang eines wunderbaren Monologs werden. Sicherlich bin ich nicht Benjamin Franklin, aber vielleicht wird es ja die Neuauflage der Silence Dogood-Leserbriefe – auch wenn meine Identität nicht mehr geheim ist.

Im Teaser spricht die Welt Online nun davon, dass das Internet ein rechtsfreier Raum ist. Könnten Sie oder Herr Malzahn diese These auf dem Treffen anonymer Abgemahnter wiederholen? Wozu gibt es eigentlich ein Telemediengesetz? Und seit wann ist das Internet nicht “wahres Leben”. Ich kenne Menschen, die verdienen ihr Geld mit dieser unwahren Substanz.

In den ersten beiden Absätzen wird der Sachverhalt geschildert. Ich gebe zu, ich habe es nicht lückenlos verfolgt, da das Thema überstrapaziert ist. Soweit ich weiß, hat Assange im September 40 Tage in Schweden auf diese Anklage gewartet. Erst nach der Ausreise wurde Interpol eingeschaltet und Assange ist freiwillig zur Polizei gegangen. Eine durchaus spannende Konstellation. Wobei ich mich dabei auch irren kann, was den genauen Sachverhalt angeht. Da Sie aber auch keinen umfangreichen Wert auf Qualität in dem Artikel legen, ist der Umstand eines möglichen Irrtums doch recht akzeptabel.

Die Ansicht wird im nächsten Absatz etwas abschwächt. Allerdings der Vergleich mit Kachelmann ist interessant. Darauf kann ich aber nicht weiter eingehen, aber im Verhältnis sehe ich dadurch meinen Vergleich mit mir und Benjamin Franklin realitisch entgegen.

Kommen wir aber nun zu dem Teil, der die völlige geistige Umnachtung von Herrn Malzahn beachtlich in Worte fasst. Auskommen ohne geltendes Recht ist völliger Schwachsinn. Das diese Haltung im Web sehr weit verbreitet ist, ist eine der dämlichsten Thesen, die seit langem publiziert worden sind. Wenn dem wirklich so wäre, wieso gab es gegen Zensursula einen solchen Protestlauf? Es gab doch auch genügend Vorschläge, wie man die Sache hätte lösen können. Gerade die Debatte um den JMStV zeigt doch, wie sehr man sich mit den Gesetzen auseinander setzt. Das Problem ist, und da schließe ich mich dem Artikel an wo Herr Malzahn sich auf eine Stufe mit der Politik stellt, das Problem ist – Sie haben scheinbar überhaupt keinen blassen Schimmer über das, was Sie da reden. Eben genauso wie die Politik. Ein völliger weltfremder und praxisferner Schwachsinn der in diesen schwierigen Zeiten sich in eine gefährliche Richtung entwickelt. Bzgl. der beleidigenden Leserkommentare empfehle ich den ersten Brief noch mal zu lesen. Das es zu dem Thema aber noch Artikel gibt, die man guten Herzens empfehlen kann zeigt Carsten Kloth im Tagesspiegel.

Wenn man gegen Kinderpornographie zu Feld zieht, dann sollte man das auch wirksam machen. Ich möchte an dieser Stelle den Twitteraccount @manuspielt zitieren

Dann machen wir es doch mit Wikileaks genauso wie mit der Kinderpornographie, oder? Wir machen einfach ein Stoppschild davor, dann müssten ja alles wieder im Lot sein! Die Kultur “Anything goes” ist gar nicht so übel wie Sie sie beschreiben. Das Problem ist allerdings, dass sich die Arschkriecher weniger zu Wort melden. Die Fassade des karrieregetriebenen, unterwürfigen und blindfolgenden Bürgers ist stark am bröckeln.

Ich denke, Herr Assange ist ein nicht ganz unbeleuchteter Kopf. Er wird sich nicht der Polizei stellen, ohne einen Plan im Hinterkopf gehabt zu haben, was es bezwecken soll. Ich hoffe, die Entwicklung nimmt nicht den Verlauf, der in der Welt Online geschildert wird.

Vielleicht kommen aber auch wirklich andere Zeiten. Zeiten in denen ich die Welt (Online) für ihren “Gwaldidätsschornalismus” nicht kritisieren brauche, sondern klatschend vor dem Artikel sitze und allen davon erzähle, dass man einer Publikation Glauben schenken darf. Aber bis dahin, lieber Herr Schmiechen, werde ich Ihnen vermutlich noch einige Briefe schreiben.

Mit freundlichen Grüßen,
Kai Thrun