Bloggerkodex: Auf der anderen Seite des Tisches

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Welch eine innere Freude, wenn die Themen Bloggen und Bloggerrelation auf den Tisch kommen. Die Social Media Week in Hamburg sorgt derzeit dafür, dass diese Themen mal wieder im Gespräch sind. Was mich sehr freut, denn es gibt noch viel zu tun.

Viel wird über den Bloggerkodex geschrieben, angemerkt, ergänzt. Ich werde meinen Senf dazu nun auch abgeben, denn ich sitze auf der anderen Seite des Tisches. In dem ganz konkreten Fall habe ich sogar mit Achtung! in der Vergangenheit einige kleinere Projekte umgesetzt. Ob der Kodex nun Kodex heißen sollte, so what?

Der korrekte Titel wäre vermutlich Der Umgang mit potentiellen Multiplikatoren als Agentur- und PR-Leute. Ja, da dürft ihr euch gern für den Moment auf den Fuß getreten fühlen. Es ist nämlich noch lange nicht alles grün in der Blogosphäre. Ihr habt nämlich in den letzten Jahren einige Punkte etwas verschlafen. Zum Beispiel das Reichweite keine Miete zahlt, ein sehr schöner und treffender Text, wie ich finde. Aber es gibt da noch mehr, wo ich mir mal Luft machen muss.

Traffic statt Leser

Ein Blog wächst. Es ist für euch schwer vorstellbar, aber ein Blog wächst im Laufe der Jahre. Nicht alle aber einige. Und dann kommen so interessante Kennzahlen, wie die Besucherzahlen eines Blogs. Also die quantitativen Zahlen des Traffics, nicht die der Leser. Ich hatte im Januar übrigens 560.000 Besucher. Ach, ich hatte ein Viral und das zählt nun nicht? Verstehe, aber ihr habt doch nach Besucherzahlen gefragt. Oder nicht? Ich verstehe, dass Besucherzahlen und „Reichweite“ wichtig sind, aber die Frage nach der Vernetzung, des Stellenwertes des Blogs als auch das Umfeld, sollte man nicht ausser Acht lassen. Ich beschwerte mich erst kürzlich darüber, dass ich manchmal am Verkauf nicht mitverdiene.
Der Dialog könnte also wie folgt sich abspielen:

Agentur „Wie viele Besucher hast Du?“
Blogger „18567 (oder eine andere Zahl aus FantasyStats)“
Agentur „Das ist zu wenig“
Blogger „Im Januar hatte ich über weit über eine halbe Million“
Agentur „Du hattest ein Viral, willst du mich auf den Arm nehmen?“
Blogger „Wer hat denn angefangen?“

Wir reden miteinander

Ich weiß, es ist schwierig zu verstehen, aber Blogger reden, schreiben und telefonieren miteinander. Sogar völlig themenfremde Blogs. Man tauscht Erfahrungen mit Herstellern, Anbietern, Agenturen aus. Also ähnlich wie die Bloggerlisten, die in Agenturen geführt werden – nur in der Regel ohne Protokoll. Was dabei raus kommt?

Eine Münchener Agentur verschickt eine weniger ansprechende Mail an 5 Blogger (Aussage Social Media Manager der Agentur gegenüber einem Blogger). Kunde ist ein Konzern. Es geht darum, ein Video einzubinden, der Vorstoß ist erst einmal ohne Bezahlung. Die Tatsache, dass die Agentur 2 Tage zu spät ist, denn das Video ist schon durch die Marketingblogs gegangen, ist Nebensache. Der Profi fragt in der Regel: Ok, das ist nett – aber was zahlst Du mir für die Werbung? In der Zeit fliegen durch meinen RSS-Reader Artikel von Jan Gleitsmann und Jens Stratmann mit dem Video als Werbung gekennzeichnet ist. Nach einiger Zeit des Amüsierens, frage ich nach, was man gewillt sei zu zahlen, auf eine verhandelnde Gegenfrage antworte ich nicht mehr. Es ist mir zu zeitraubend und das Timing der Agentur ist einfach zu spät.
Sicher hätte ich den Dialog an dieser Stelle weiterführen können, aber ich lasse mich ungern für dumm verkaufen. Den Dialog absterben zu lassen, ist sicher nicht die feine englische Art, aber passiert auch mal – wenn auch selten.

Der drohender Hersteller

Ein weiteres Beispiel, was noch gar nicht so lang her ist. Ein Blogger schreibt über ein Produkt recht positiv, da es ihn technisch überzeugen konnte. Er gibt eine Kaufempfehlung ab, aber lobt den Kopfhörer nicht in den höchsten Tönen und gibt einen Minuspunkt in der B-Note beim Design. Die Pressemanagerin des Herstellers fordert den Blogger „diskret“ auf, den Text anzupassen alternativ sei man sich nicht sicher, ob man die Zusammenarbeit zukünftig anstreben würde.

Lieber Hersteller, falls Du das siehst. Wir haben uns entschieden, dich zukünftig bei all unseren Aktivitäten zu boykottieren. Ich hätte dich fast in einer kommenden Kampagne eingebunden. Leider musstest du dem Wettbewerb weichen, weil ich solche Beziehungen nicht sonderlich schätze. Es wird Dir vermutlich egal sein, aber auf verbrannter Erde wächst kein Gras.

Es geht nicht immer ums Geld

Was auch mal gesagt werden muss: Es geht nicht immer ums Geld. Wirklich nicht. Jeder Blogger hat seine eigenen Beweggründe, sich vor den Karren vor etwas spannen zu lassen. Das fängt bei „einfach mal raus kommen“ an und hört bei „Kontakte knüpfen“ auf. Es soll auch schon mal vorgekommen sein, dass ein Blogger von der Sache überzeugt ist. Ich z.B. von der YPD-Challenge. Ich finde einfach das Format und die Idee cool. Fertig.
Die Gründe sind immer individuell, aber liebe Agenturen/PR-Manager oder wer auch immer für die Bloggermeute zuständig ist: Wenn ihr nicht selbst bloggt, holt euch jemanden der es tut. Sein Rat wird euch sehr nützlich sein.

Das Niveau steigt

Der Name eines Reglements, wie Achtung! hier den Vorstoß seit Mitte November macht, ist nebensächlich. Aufgrund der Tatsache, dass Blogs in der Markenkommunikation in den nächsten Jahren noch an Relevanz gewinnen werden, sollte man sich aber heute schon vernünftig anstellen. Wie ich darauf komme? Was passiert wohl, wenn die Masse erst einmal verstanden hat, was so ein Blog ist?

Es war sicherlich vor Jahren so, dass wir uns an der Nase haben rumführen lassen. Die Zeiten sind leider vorbei. Es ist stellenweise so, dass wir euch überholt haben. Aufpoppende Skypefenster ala „Hast Du auch eine Mail bekommen, wo Du für 60 Euro einen Beitrag ohne Kennzeichnung schreiben darfst?“ sind keine Seltenheit. Wir sind nicht so bescheuert, wie wir manchmal in der Aussenwirkung wahrgenommen werden. Und es gibt weitaus spannendere Formate als Sponsored Posts, wie Markus Sekulla treffend skizziert.

Ein guter Leitfaden

Als ich vom Bloggerkodex im November beim BCHH13 das erste Mal hörte, war ich sehr skeptisch. Gut, ich kenne die Jungs und ahnte es würde nicht völlig an der Realität vorbeigehen, aber dennoch skeptisch. Ich finde den Titel zwar auch doof und er erinnert mich immer ein einen anderen Kodex einer Branche, von dem ich persönlich auch nichts halte, aber jedem das seine.

Wir müssen einfach unseren elitären Mantel mal ablegen und uns eingestehen: Ab einem gewissen Level benötigt man keine Richtlinie, keinen Kodex und keinen Leitfaden, aber wie viele sind das? Jetzt schaut mal in eure internen Bloggerlisten, wie viele Blogger mit dem Vermerk „Professional, Profi oder A-Blogger“ versehen sind. Auf der anderen Seite: Wie viele Agenturen gibt es denn, die wirklich richtig gute Bloggerrelations machen. Mehr als 20? 50? Die Luft wird überall in der Spitze dünner.

Ich denke nicht, dass Achtung! die Anleitung zur Vorgehensweise benötigt hätte. Es ist aber auch ein Zeichen der Nachhaltigkeit, denn was passiert, wenn Ansprechpartner und Lead-Agentur wechseln, macht auch keinem Blogger Spaß.

Es heißt übrigens Blogger Relation. Beziehung. Wenn man das verstanden hat, dann kann man auch mal die Beziehungen spielen lassen.

(Bild: Shutterstock)

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