Da ist es nun raus, dieser Entwurf zum Leistungsschutzrecht. Das Leistungsschutzrecht (kurz LSR) ist ein Recht, welches es Presseverlagen ermöglichen soll, sich Online speziell zu schützen. Schützen heißt in dem Fall, sich ihre Artikel versilbern lassen: Eine Lizenzierung. Davon kann man nun halten, was man möchte. Es birgt allerdings neben einigen Risiken auch viel Chancen.

notaboutmoney

Juristerei

Während sich Juristen damit beschäftigen, was diese Gesetzesänderung mit sich bringt, sollten wir (Blogger) einfach in Ruhe die Füße stillhalten. Es ist zumindest heftig umstritten, dass dieses Gesetz rechtskräftig wird. Oder besser gesagt, man liest an vielen Stellen im Netz von Widerstand. Zensursula lässt grüßen.

Im Zweifel Finger weg

Die möglichen Folgen wären Abmahnwellen gegen Blogger und andere Verwerter der Presseerzeugnisse. Dabei ist es relativ simpel, denn es gilt wie so oft: Bist Du dir nicht sicher, lass die Finger davon. Problem erkannt, Gefahr gebannt. Ich sehe keinen triftigen Grund, wieso ich zwingend einen Presseartikel zitieren muss. Den Bezug bekommt man auch ähnlich schwammig formuliert, wie der Gesetzentwurf zurzeit der Fall ist. Es verhält sich also so wie mit Artikelbildern: Bist du dir nicht sicher, mal schnell selbst ein Foto.

Google News?

Es geht hier sicherlich oft um automatisierte Inhalte, wie Google News zum Beispiel. Man könnte fast fragen, welcher Verlag wird sich schon freiwillig aus Google News werfen lassen, wo man sich doch mit den größten Mühen im Republishing übt.

Leistungsschutzrecht-Google-Suche
Neben den Besuchern könnte Google doch auch noch Geld zahlen. Keine gute Idee?

Ja, es kann theoretisch passieren, dass diverse Verlage aus dem Index fliegen würden. Ich halte es offen gesagt aber für sehr unwahrscheinlich. Google ist sich seiner Position bewusst, und wenn es um Geld geht, sind beide Seiten (Google/Verlage) nicht unbedingt auf den Kopf gefallen. Aber ja, es ist eine interessante Konstellation, wie dieses Kapitel wohl ausgehen mag. Und ich würde es mir wünschen, wenn Google nur für einen Tag den Hahn abdrehen würde. Lernen durch Schmerzen, wenn man so möchte. Als Leser den absoluten Boykott zu fordern, halte ich für etwas zu viel des Guten.

große Chancen für Verlage und Blogger

Neben den Risiken, die so durch die Ticker fliegen (was nebenbei gesagt schon auffällig ist, wie man mit Angst und negativem Vokabular Traffic saugen will), gibt es aber auch riesige Chancen. Ich schrieb gestern „Wer es begreift, die Lücke zwischen den Freaks und den Medien zu überbrücken – gewinnt „. Das LSR zeigt dies mehr als deutlich. Denn nicht alle Verlage werden auf diesen Zug aufspringen, und jener der sich am Ehesten öffnet, kann zum Sympathieträger werden.

zu viel rauschen

Die Krux an diesem ganzen Gerede ist – es beschäftigt nur die, die im Thema tief sitzen. Also den „was mit Medien“-Leuten. Ich habe noch nicht gefragt, aber ich bin mir nicht sicher, ob der geneigte Hobbyblogger überhaupt etwas vom LSR gehört hat. Vermutlich hat er es unter „irgendwas mit Presse“ verbucht und abgewunken.

D.h. im Umkehrschluss, dass die, die in dieser Risikozone sitzen, am ehesten betroffen sind. Nicht weil andere ausgeschlossen sind, sondern weil jeder für sich vorher schon eine Entscheidung getroffen hat, wie er damit umgeht.

Es wird natürlich Verlage geben, die genau diesen Weg gehen, den sie durch die schwer bezahlte Lobby errungen haben. Es wird allerdings auch Verlage geben, die eine Brücke bauen werden. Letztere werden zu den Gewinnern gehören, da hege ich keinen Zweifel. Gemeinsam war schon immer besser als gegeneinander, das ist nun mal so – auch wenn es etwas romantisch klingen mag. Man stelle sich einfach mal vor, gestern wäre jemand mit der Überschrift „Leistungsschutzrecht – komme was will, wir verzichten darauf“ online gegangen, anstatt nur über die Fakten zu berichten.

Vorbild Musikindustrie

Letztlich ist es und bleibt es aber so, dass das Recht zu teilen nicht verhandelbar ist. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Dass dieser Plan in der Umsetzung nur schwer funktionieren wird, zeigt nicht nur die Musikindustrie, die zur Jahrtausendwende durch DRM und andere Mechanismen versuchte, die Piraterie einzudämmen. Dieser Plan ist so gut aufgegangen, dass zwischen 1999 und 2009 der Umsatz um über 50% zurückgegangen ist. Da ist der Plan aber sicher voll aufgegangen.

Abschließendes

Ob sich die Presse in die Nesseln setzen wird, wird sich letztlich in 2 Phasen entscheiden. Wenn das Gesetz in Kraft tritt und in der 2. Phase, wie es um seine Durchsetzung bestellt sein wird. Neben der Berichterstattung fehlt mir allerdings auch die Presse, die dazu einfach mal Stellung bezieht. Es reicht nicht mehr aus, einfach nur auf den Netzwerken den eigenen Content zu spielen.

Es wäre wünschenswert, wenn so langsam dann auch ein Community Management in den Verlagen Einzug erhielte. Zumindest für die, die Klarheit gestalten wollen. Es ist vielleicht auch die Frage der Ausrichtung, ob man Nachrichtenportal oder Meinungsmacher werden möchte. Ob oder ohne LSR: die Entwicklung der Presse wird noch richtig spannend in den kommenden Monaten (und Jahren).

Kai Thrun
Autor

Hallo, ich bin Kai - der Autor dieses Blogs. Ich berate Unternehmen, damit sie sich in ihrer digitalen Kommunikation verbessern. Ich gebe mein Wissen im Rahmen von Seminaren, Workshops und Vorträgen weiter. Als Social Media Experte kommentiere ich hier im Blog seit 10 Jahren Kampagnen, Reisen und persönliche Erlebnisse.

3 Kommentare

  1. Bin auch gespannt wie sich das ganze entwickeltm, allerdings hat sich um die Netzgemeinde auch eine große Lobby gebildet und das Leistungsschutzrecht schadet ja in dieser Form auch den Verlagen. Ich persönlich lese zB auf vielen Seiten das gleiche und auch von Verlagen werden Texte teils 1:1 übernommen.

  2. Vielleicht kam es in meinem Artikel nicht konkret genug rüber: der „boykott“ auch bzgl. des Lesens bezog sich auf Verlage, welche dem LSR zustimmen und es auch durchsetzen.

    Ich verlinke bereits seit sehr langer Zeit (unabhängig vom LSR) nicht auf Artikel eines bestimmten Verlages und ziehe dies auch recht konsequent bzgl. dem Nichtlesen von Artikeln aus diesem Hause durch. (sofern mir die Zugehörigkeit zum Verlag bekannt ist)

    Aussagen wie diese https://twitter.com/ChristophKeese/status/213662147065036801 bestätigen mich in dieser Ansicht nur.

    Dass dies jeder für sich entscheiden muss habe ich jedoch auch geschrieben. Im Artikel habe ich also meine persönliche Konsequenz beschrieben. Gleichzeitig habe ich aber auch darauf hinweisen wollen, welche positiven Effekte dies für die Blogosphäre haben könnte. Don Dahlmann sieht dies ähnlich (siehe Update2 im Artikelende)

    Mit Freude habe ich heute den Artikel von SpOn gelesen: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/leistungsschutzrecht-was-das-gesetz-bedeutet-a-839094.html

    Die FAZ schliesst diesem Weg wohl an:
    https://twitter.com/fr_schirrmacher/status/213651675016200192

    https://twitter.com/udovetter/status/213652740587536385

    https://twitter.com/fr_schirrmacher/status/213653431485874177

    In der Konsequenz stimme ich Dir voll zu: Verlage die frühzeitige die Signale auf Entwarnung stellen werden gewinnen und dies bleibt im Moment (zumindest für mich) die einzige Hoffnung.

    Und wie es Markus geschrieben hat: „uns“ wird es wohl eher weniger weh tun, wenn wir nicht mher verlinken…

    PS: Hast Du Pingbacks bei Dir aus? Nur durch Zufall gesehen, dass Du den Artikel verlinkt hast. Im Blog kam nix an…

  3. „was nebenbei gesagt schon auffällig ist, wie man mit Angst und negativem Vokabular Traffic saugen will“

    Das ist doch immer so. Über populäre Themen meckern und Anhänger sammeln. Meine derzeitige Haltung zum Leistungsschutzrecht hast du gut zusammengefasst:

    „Dabei ist es relativ simpel, denn es gilt wie so oft: Bist Du dir nicht sicher, lass die Finger davon. Problem erkannt, Gefahr gebannt. Ich sehe keinen triftigen Grund, wieso ich zwingend einen Presseartikel zitieren muss.“

    Dennoch bin ich gespannt, wohin die Reise geht.

Hinterlasse mir einen Kommentar