Was für ein Jahr. In der Vergangenheit habe ich in diesem Blog zum Jahresende einige Highlights herausgepickt, um einen kleinen Jahresrückblick zu geben. Ich schreibe allerdings kaum noch, daher entfällt der Teil mit den Beiträgen. Vorweg möchte ich aber sagen, dass ich für diesen Text kein Mitleid benötige.

Ich glaube es selbst nicht, aber ich gehe gestärkt aus 2020. Ich habe 2020 grosse Entscheidungen getroffen, die riesige Auswirkungen hatten und diese waren gewiss nicht nur positiv. Ich weiss gar nicht, wie oft ich morgens auf der Bettkante sass und einfach nur geheult habe. Ich war mit den Nerven und mit dem Leben komplett am Ende. Ich habe den Suizid zwar ausgeschlossen, aber man wird ja zumindest mal darüber (wieder) nachdenken dürfen. Immerhin weiß ich, dass Suizid nicht die Lösung ist, sondern es der innerliche Wunsch ist, dass sich etwas ändert. Der unendliche Schmerz, den man mit Melatonin betäuben will – er soll verschwinden.

Puzzleteile drehen bis sie passen

In einem Jahr einer Pandemie auszuwandern, ist eine mittelgute Idee. Ich habe darüber schon geschrieben, wie schwer vieles gewesen ist. Es ist manchmal immer noch nicht einfach, ich arrangiere mich damit. Das ist ok. Jede Medaille hat zwei Seiten. Ich war genötigt, sich erneut mit mir auseinanderzusetzen. Nach dem letzten mentalen Meltdown habe ich mir im September endlich Hilfe geholt. Jemand, der nicht um Hilfe bittet, gesteht sich ungern ein, dass er Hilfe benötigt. Es war eine der schwierigsten Entscheidungen, die ich lange Zeit getroffen habe. Es bedeutete für mich, zu akzeptieren, dass ich es allein diesmal nicht schaffen werde.

Der erste Termin war noch in „Geheimhaltung“. Ich hatte nur wenige Personen eingeweiht, denn ich wusste nicht, was mich erwartet. Heute kann ich sagen, ist es ein Treffen mit mir selbst, meiner erlebnisreichen Vergangenheit und den inneren Narben daraus. Dem Erkennen der Schäden aus Ereignissen, die einen für immer verändert haben. Meine Psychaterin ist eine unterhaltsame, gerissene und schlaue Frau. Wir arbeiten nicht nur meine Vergangenheit auf, sondern arbeiten nach vorn. Ich brauche niemanden, der mein Ego streichelt, sondern der meine Rübe fordert. Ich trainiere mit ihr meine mentale Stärke zu verbessern, wie Muskeln bei einem Sportler. Nur trainiere ich eben meine Birne. Ich möchte in der Zukunft für Situationen gewappnet sein, in denen ich mich momentan nicht so verhalte, wie ich es erstrebenswert finde. Da dieser Text im Internet veröffentlicht wird: Es geht nicht um Selbstoptimierung, es geht um Selbstverbesserung. Der Punkt ist, nicht zu schnell die Haltung zu verlieren, weniger gestresst zu sein, einen Fick darauf zu geben, was die Umwelt von einem denkt. Ich möchte nicht mehr wochenlang Ohrensausen haben, weil ich den Stresspegel nicht in den Griff bekomme oder Muskelschmerzen, weil mein Schlaf nicht für eine ausreichende Erholung sorgt. Ich habe daran einfach keine Freude.

Der Neuaufbau

Nach den grossen Erfolgen in der Mitte des Jahrzehnts, kam der grosse Abflug. Die Welt brach um mich herum völlig auseinander. Die Ausläufer reichen bis in das heutige Jahr. Daher sei es am Rande erwähnt, dass ich das Engelmann-Viral mit viel Alkohol überstanden habe. Die 3,5 Jahre Fernbeziehung damals hatten mich komplett zerrieben. Die (Test-)Hochzeit war nach wenigen Monaten ebenfalls obsolet. Der geplante Neustart misslang, der zweite Neustart endet in einem emotionalen und finanziellen Desaster. Man muss an der Stelle verstehen, dass ich die Entscheidung auszuwandern innerhalb von 14 Tagen getroffen habe. Einige nennen es verrückt, andere sagen, es sei mutig. Für mich ist es nichts davon. Für mich war es eine Option mein inneres Leiden zu beenden.

Nachdem meine Zeit hier anfangs schwierig war, da ich z.B. keine Möbel hatte und dann sehr wenige, war es eine Achterbahn. Wenn man sich von einem Nervenzusammenbruch zum anderen hangelt, kann man recht schwer die Welt retten. Ironischerweise sind meine beklatschten Profilbilder nur 1,5 Stunden nach einem solchen Meltdown entstanden. Schöne neue Welt sage ich euch.

Ende September habe ich am Ende geschrieben, „Aber… ich denke, es ist die Kunst des Älterwerdens, sich seinen jugendlichen Leichtsinn zu bewahren. Vielleicht ist das ein gutes Ziel für die nächsten 6 Monate…“ – und was soll ich sagen? Ziel erreicht. Ich habe in dieser Wohnung gelacht, gesungen sogar getanzt. In den letzten 2,5 Monaten hat sich so viel bewegt, wie lange nicht mehr. Ich musste lernen, dass ich einen Platz in meinem Leben haben darf. Das ist insofern nicht ganz unwichtig, weil es Menschen offenbar irritiert, wenn man diesen für sich beansprucht.

Zu sich kommen

Die Lösung ist ganz einfach: zu sich kommen. Wer bin ich überhaupt? Ich bin sicher noch nicht am Ziel angekommen, aber vielleicht ist dies eine ständige Reise mit sich selbst? Schritt für Schritt. Ich habe meine Nordsterne wieder in den Fokus gesetzt. Ihr kennt sie vielleicht aus meinen Instagram-Storys, die 13 Orientierungspunkte, denen ich folge. Immer wenn es mir schlecht geht, habe ich sie definitiv vernachlässigt. Ich denke über meinen eigenen Nachruf nach, denn er definiert, wofür ich heute stehen möchte. Was sich so theatralisch anhört, hilft ungemein eine Richtung zu finden.

Es gibt kein Patentrezept oder Lösung. Es gibt jedoch viele Punkte, die man unterlassen sollte. Das Internet ist voll mit Lebensweisheiten. Zwei grosse Erfolgsfaktoren waren für mich, dass ich es vermeide, negativ über mich zu denken und Ereignisse zu bewerten. Das klappt im Alltag nicht immer, aber das Bewusstsein dafür ist geschaffen.

Ich habe mich akzeptiert, so wie ich bin. Ich bin immer ein wenig Ghetto, ein wenig laut, manchmal ganz leise, sehr präsent und manchmal introvertiert. Ich bin emotional, gefühlvoll und ich liebe Romantik. Ich habe eine Gabe dafür, meine Gefühle schriftlich zum Ausdruck zu bringen und stille meinen erhöhten IQ über das ständige Aufsaugen von neuem Wissen. Ich bin manchmal drüber und manchmal arg drunter. Ich bin nicht perfekt, ich werde es nie sein und am Ende wird meine Kindheit keine Entschuldigung für mein heutiges Leben sein. Ich trage die Verantwortung für mein Handeln.

Ich will nicht versuchen, meine Persönlichkeit irgendwie zu verbiegen. Was andere über mich denken, ist keine meiner Angelegenheiten. Deswegen kann ich diesen Text veröffentlichen. Es ist mir egal, was meine Arbeitskollegen, Freunde und du, der den Text nun liest, über mich am Ende denken. Wenn Du ihn Scheiße findest, weiss ich nicht, wieso Du bis hierhin gelesen hast. Ich meine das gar nicht unhöflich, was ich damit ausdrücken möchte – und das verwechseln viele: Meine Gleichgültigkeit bedeutet lediglich, dass deine Meinung keinen Einfluss auf mich oder mein Handeln hat. As simple as that. Das Gegenteil von Emotionen ist nun einmal Gleichgültigkeit. Diese gesunde Gleichgültigkeit erlaubt es mir, die Außenwelt immer öfters auszuschalten. Ein wunderbares Gefühl, welches einem unfassbar viel Kraft gibt.

Das ist es, was ich allen wünsche, die bis hierhin gelesen haben: Kraft. Für die schweren Wochen, die da kommen werden. Ich bedanke mich außerdem herzlichst, bei allen, die mich dieses Jahr getragen haben. Ich habe dies sehr wohl wahrgenommen. Meine Begabung und ich haben eben eine Liebe fürs Details, was eine wundervolle Eigenschaft ist. Daher mein tiefstverbundender Dank, denn jede Nachricht, jedes Gespräch, jede Ablenkung und jedes warme Wort hat dazu beigetragen, dass ich heute wieder Hoffnung habe. Hoffnung an das Gute im Leben, in der Liebe und den Glauben, dass ich die positive Veränderung in anderer Leben sein darf.

Danke, Kai.

Kai Thrun
Author

Hallo, ich bin Kai - der Autor dieses Blogs. Ich bin Content Creator mit Erklärbärsyndrom, was mich dazu brachte, diesen Blog 2009 zu starten. Ich schreibe hier über meine privaten Gedanken, Begegnungen mit Menschen oder Marketing-Kampagnen, die ich bemerkenswerte finde.

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