Ich bin am 30.03.2020 in die Schweiz ausgewandert. Jap, mitten im Lockdown. Jap, mitten in einer Pandemie. Die Entscheidung fiel 8 Wochen vorher, geplant war dies alles nicht. Es war eine sehr intensive Zeit in einem fremden Land, einer fremden Kultur und vor allem mit mir selbst.

2020 war für uns alle ein verrücktes Jahr. Ich habe zu Beginn des Jahres beschlossen, meine Selbstständigkeit aus vielerlei Gründen aufzugeben. Das HomeOffice killte mich, Motivation und Antrieb rauschten in den Keller. Der Entschluss war gefasst sich zu verändern und 2 Wochen später und einige Probetage später unterschrieb ich meinen neuen Arbeitsvertrag in der Schweiz. Was danach folgte, habe ich so nicht erwartet.

Cut in ein neues Leben

Die Wohnungssuche ging gut von der Hand. Nachdem ich den Schock über den vierfachen Mietpreis verdaut hatte, war ich auch nicht mehr gewillt auf dem Standard wie in Deutschland zu leben. Ich fand ein 2,5 Zimmer-Apartment im Zentrum der Kantonshauptstadt. Frauenfeld ist etwas größer als Alfeld, aber strukturell ähnlich aufgebaut – genau mein Terrain sozusagen.

Hier kommt nicht jeder rein

Im März war ich dann damit beschäftigt meinen Umzug vorzubereiten. Ich plante verschiedene Routen, Transportmöglichkeiten und Touren. Dann kam der Lockdown. Ich wusste nicht, ob ich über die Grenze komme und was mit meinen Sachen ist. Ich bekam 3 Tage vor Abreise ein Schreiben des Migrationsamt, dass ich einreisen dürfte. Ich müsse mich allerdings montags sofort telefonisch beim Einwohneramt (das heißt hier so) melden. So wanderte ich mit einem Koffer voller Kleidung und einem Reisebett aus. Mehr konnte ich nicht mitnehmen, denn Umzugshelfer durften zu dem Zeitpunkt nicht über die Grenze. So verbrachte ich die ersten Tage mit einem Reisebett und eine Nachttischlampe in meiner neuen Wohnung. Ich hatte mir meine Auswanderung irgendwie glamouröser vorgestellt. Ein Kollege und seine Frau überließen mir bis Ostern ein Gästesofa, denn das Klappbett war ähnlich komfortabel wie der Betongranulatboden in der Wohnung. Danke an der Stelle an Claude und Emily, ich wüsste nicht, was ich ohne das gute Stück gemacht hätte.

Herausforderungen des Lockdowns

Es gab mit dem Lockdown noch weitere Besonderheiten. Geschäfte waren geschlossen, Behörden waren teilweise geschlossen beziehungsweise nur telefonisch erreichbar. Ich hatte keinen Aufenthaltstitel (Ausländerausweis) und konnte somit keine Verträge abschließen. Mit der Hilfe von Thomas (Danke!) war es möglich, ein paar Sachen zu regeln und zu organisieren. Ich mein, ohne ein Schweizer Bankkonto ist irgendwie doof. Ich konnte die ersten Wochen auch keine Möbel kaufen, es hatte nichts offen. Ich bin Ostern zurück nach Alfeld, um meine restlichen wenigen Möbel zu holen. Die meisten Sachen habe ich für kleines Geld verkauft, verschenkt oder ging Richtung Recycling. Das Sofa und mein Bett sind die einzigen Möbelstücke, die ich mitgenommen habe. Ich wollte die Zeit nutzen, um einen Schnitt im Leben zu machen.

Schnittwunden und Heilungsprozesse

Die Hürde beim Loslassen ist das erste Loslassen. Mit der Übung kommt die Geschwindigkeit und ich habe mich von fast allem getrennt, was mir nicht wirklich wichtig oder nützlich gewesen ist. Schreibtischstuhl, Drucker, TV, Kommoden, Kleiderschrank, Lampen, Küche – Ciao, arrivederci, adios. Das materielle Loslassen führte dazu, dass ich mich emotional von vielen Sachen trennte, neben dem offensichtlichen Dingen wie Freunde, Familie und Heimat. Es hat mehr wehgetan als ich mir eingestanden hätte.
Es gab Phasen in dieser Zeit, da war ich komplett runter mit der Bereifung. Mein Körper hat mir wochenlang signalisiert, dass wir beide gerade über dem Limit agieren. Schlafstörungen, Existenzängste und wochenlanges Ohrensausen gab es kostenlos dazu. Ich kann zumindest sagen, dass ich die Ursachen kenne und somit eine Chance habe, daran zu arbeiten. Kürzen wir es ab: Es war keine einfache Zeit.

Nachdem Siedepunkt fing ich langsam an meinen mentalen Müll einzusammeln und aufzuarbeiten. Was ich am meisten unterschätzt habe und was mir wirklich fehlt, sind meine Freunde und soziale Kontakte. Menschen, mit denen man sich nach einem doofen Tag hinsetzen kann. Menschen, die einen in den Arm nehmen, wenn man es braucht oder einen in den Arsch treten, wenn man es braucht – deren Kunst es ist, zu wissen, wann welche Methode anzuwenden ist.

Andere Länder, andere Sitten

Apropos Menschen. „Die Schweizer“ sind anders. Ich kann jetzt nur für die deutschsprachige Ostschweiz sprechen und generell gilt dies sowieso nie für alle, wie in jeder Region auf diesem Planeten eben auch. Der berühmte culture Clash war hart. Sie reden fast deutsch, benutzen aber ein anderes Vokabular oder eigene Wörter, wenn sie nicht einfach 3 Sprachen wild miteinander vermischen (ich nenne es Sprachgulasch – no front!). Sie sind konservativer als ich erwartet habe, manchmal fast spießbürgerlich aber in der Regel nett. Faszinierend ist es dabei zuzusehen, wie Autos vor einem Fußgängerüberweg einfach anhalten, um Passanten über die Straße zu lassen (es ist kein Zebrastreifen, weil die Streifen sind gelb und Zebras haben keine gelben Streifen). Was in Deutschland eher als formale Empfehlung wahrgenommen wird, wird hier eingehalten. Manchmal halten die Autos auch einfach so an, um den Gegenverkehr abbiegen zu lassen. Mindblowing. Ansonsten ist nicht so viel anders bis auf Rentensystem, Krankensystem oder die Tatsache, dass Pakete einfach vor die Tür abgelegt werden. Achja und Milch- bzw. Hamsterfächer. Das ist ein schuhkartongrosses Fach unter dem Briefkasten, wo Päckchen hereinkommen. Abgefahren. Same same but different.

Neben den neuen Sitten gehören auch neue und alte Sportarten in die Veränderungen. Ich habe eine 5km-Laufstrecke ausgemacht. Ich habe das erste Mal in meinem Leben einen Gipfel erklommen und besitze neuerdings ein Fahrrad. Das erste Rad seit 25 Jahren. Es scheint hier eine höhere Aktivität zum Sport zu geben, was natürlich nicht für alle Schweizer gilt. Ich denke, gefühlt bin ich mehr unterwegs gewesen als sonst und es tut mir vielleicht auch mal ganz gut. Die Schweiz ist gewiss ein schöner Flecken Erde und dabei habe ich viele interessante Orte noch gar nicht gesehen.

It’s new dawn, it’s a new me

Persönliche Veränderungen sind selten ohne etwas Schmerz. Die letzten Monate waren alles andere als ein Zuckerschlecken und einige Brocken warten noch auf mich. Ich kann dennoch sagen, ich bin an dieser Zeit gewachsen. Ich würde einige Dinge anders machen, sehe aber die Veränderungen bereits, indem ich wieder lerne, viele Dinge einfach auszublenden oder aus meinem Leben zu werfen: Menschen, Einstellungen, Gegenstände. Anderen Sachen gibt man vielleicht eine 2. Chance oder hat endlich den nötigen Mut das Richtige auszusprechen.

Es sind viele Kleinigkeiten, die die Veränderungen mit sich bringen. Ich lehne es inzwischen ab, als Experte genannt zu werden, dabei war mir diese Anerkennung lange wichtig. Inzwischen gebe ich mehr und mehr einen Scheiß darauf, was Leute von mir halten oder über mich denken. Ich würde das gern in dem Ausmaße tun, wie ich vor 10 Jahren getan habe. Unbekümmert und unbeschwert. Aber… ich denke, es ist die Kunst des Älterwerdens, sich seinen jugendlichen Leichtsinn zu bewahren. Vielleicht ist das ein gutes Ziel für die nächsten 6 Monate…

Kai Thrun
Author

Hallo, ich bin Kai - der Autor dieses Blogs. Ich bin Content Creator mit Erklärbärsyndrom, was mich dazu brachte, diesen Blog 2009 zu starten. Ich schreibe hier über meine privaten Gedanken, Begegnungen mit Menschen oder Marketing-Kampagnen, die ich bemerkenswerte finde.

Write A Comment