Für diesen Text möchte ich kurz ausholen. Andreas Weck der t3n sucht für einen Artikel nach Menschen, die ohne Plan B gekündigt haben. Ich meldete mich daraufhin, da ich diesen Schritt bereits dreimal ging. Einige Tage später fragte ein Follower, ob es dazu einen Artikel gäbe. Gab es nicht, das hole ich hiermit nach.

Die Geschichte spielte sich vor 8 Jahren ab. Ich war auf der Jobsuche und die „älteren“ Follower werden sich erinnern: „derWebarchitekt“ schickte eine Jobsuche auf die Reise. Ja, das ist wirklich schon 8 Jahre her. Für alle anderen: Ich habe per Twitter damals einen Job gesucht und über 100 Leute haben ihre Empfehlung ausgesprochen. Ich landete damals dann als Social Media Director bei GREY in Düsseldorf. 

Auszug um die Welt zu erobern

Ich gab meine Wohnung auf und zog ins Rheinland. Ich nahm etwa eine Autoladung mit. Bettwäsche, ein paar Klamotten und den iMac auf der Rücksitzbank. Das restliche Hab und Gut habe ich entweder verschrottet oder großzügig verschenkt. Einen Schreibtisch und einen Kleiderschrank stellte ich bei meinem BFF unter. Ich fand mich dann in einer WG in Düsseldorf-Derendorf bzw. die letzten 8 Wochen in Unterrath in einer Kellerwohnung wieder. Das ist in sofern wichtig, da ich Jahre später erst erkannte, wieso ich Düsseldorf wieder verließ.

Mein Gastspiel in Düsseldorf war kurz. 4 Monate, um genau zu sein. GREY war eigentlich ein guter Arbeitgeber, große Agentur eben – muss jeder selbst entscheiden, wie gut oder schlecht das nun ist. Ich würde GREY aber rückblickend nichts anlasten. Der Schritt war einfach zu groß, die Heimat zu verlassen, aber noch verwurzelt zu sein. Insgesamt war alles irgendwie zu viel. Ich schmiss den Job einfach hin. 

Die Wohnung gekündigt. Den Hausrat verteilt. Kein Job in Aussicht. Ich sage mal so: Es sind nicht die besten Voraussetzungen, um seinen aktuellen Job zu kündigen. Ich habe aber schon Zeiten erlebt, da war ich froh eine Matratze zu haben und mich mit Nudeln und 1,19 Mikrowellen-Fraß durchzuschlagen. Was sollte also schon passieren? 

3 Monate Sperre

Es kam, wie es kommen sollte. Durch die Kündigung bekam ich eine Sperre von 3 Monaten beim Arbeitsamt. Wer damit nicht vertraut ist: Wenn man seinen Job kündigt, bekommt man bis zu 3 Monaten Sperre der Leistungen unter Abzug des Anspruchs auf selbige. Man muss sich dann noch dazu äußern, wieso man gekündigt hat – die Sperre als Ermessenssache ausgelegt, aber eigentlich gibt’s nur 0 oder 3 Monate. In diesen 3 Monaten hatte ich dann keinerlei Einkommen. Es gab aber ein viel größeres Problem: Ich hatte keinen festen Wohnsitz. 

Kein fester Wohnsitz, keine Unterstützung

Ich hatte mich noch nicht nach Düsseldorf umgemeldet, weil ich ja merkte, dass passt für mich irgendwie nicht. Die alte Wohnung war gekündigt. Um Sozialleistungen zu empfangen benötigte ich aber einen festen Wohnsitz oder wie ich es nenne: einen Briefkasten. Ich möchte an dieser Stelle nicht ins Detail gehen, um Personenkreise, die infrage kämen, nicht in ein falsches Licht zu stellen. Es hatte seine Gründe, wieso naheliegende Lösungen nicht in Betracht kamen. Nach großem Ringen mit meinem Ego nahm ich die helfende Hand eines Freundes, der mir seinen Briefkasten lieh. Ich wohnte 2 jahrelang in einer Kfz-Werkstatt, zumindest auf dem Papier. 

2011 benötigte man noch keinen Mietnachweis und hier auf dem Land funktionieren manchmal auch noch Dinge mit starker Überzeugung bei völliger Ahnungslosigkeit. Die Damen beim Einwohnermeldeamt stellte fest, dass unter der Adresse nur ein Gewerbeobjekt sei. Ich erwiderte, dass ich davon keine Ahnung habe und ihr nur sagen könnte, dass das die Adresse ist. Natürlich weiß ich, dass im Grundbuch Grundstücke mit ihrem Verwendungszweck eingetragen sind und man nicht so einfach eine Umschreibung bekommt. Es ist allerdings in dieser Gegend auch nicht so unüblich, dass Geschäfts- und Wohnhaus eins sind. Erleichtert nahm ich die Meldebescheinigung und meinen Personalausweis entgegen. Damit konnte ich jetzt Arbeitslosengeld beantragen, oder wie man so schön sagt: Wenigstens bist du dann krankenversichert. 

Wie auf dem Arbeitsamt recht schnell klar wurde, durch die Sperre hatte ich keinerlei Anspruch mehr auf ALG1. Der Restanspruch lief in der Sperrfrist aus. Ich ging also nicht über Los und fand mich im Jobcenter wieder. Ich kann sagen, dass ALG2 zu beantragen gefühlt sehr demütigend ist. Der Antrag lässt nicht viel aus, was man offen legen muss. Bei der Antragsabgabe gab es noch ein Highlight. Die Sachbearbeiter*in war die Ex-Freundin eines Freundes (das Leben auf dem Land, man kennt sich). Du sitzt dann da, und wirst bei -5000 Euro auf deinem Konto gefragt, ob du sonst noch irgendwo Ersparnisse hast. Wenn ich mich recht entsinne, muss(te) ich die Kontoauszüge der letzten 3 Monate vorlegen. Es war also offensichtlich, dass ich kein Wunder gefunden habe, was mehr abwirft als die damaligen 17% Dispo-Gebühren. Über so viel Sherlock könnte ich mich heute noch aufregen. 

Auf einmal bist du „Hartzer“

Der Kontakt mit dem Jobcenter und die Tatsache als „Hartzer“ (ugs. für Leistungsempfänger von Hartz IV) abgestempelt zu sein, hat mich sicher geprägt. Es war insgesamt so demütigend, dass ich mir das nicht nochmal gebe. Das ist mein emotionaler Eindruck 7-8 Jahre später. Du findest dich dann irgendwann in Vorstellungsgesprächen, wo beiden Parteien klar ist, das macht null Sinn. Du nimmst den Termin aber war, weil du hinmusst, sonst gibt’s eine Sanktionen. Versteht mich nicht falsch, es gibt ja immer solche und solche von daher, kann ich den Gesetzgeber durchaus verstehen, dass man da Nachdruck benötigt. 

Genug für ein Leben

Ich verfiel dann in eine schwere Depression, die damals weder diagnostiziert noch behandelt wurde. Für mich war klar: Mir reicht die Zeit auf diesem Planeten. Ich hatte öffentlichkeitstauglich meinen Job verloren in einer Zeit, wo ich sowas wie Mittelklasse Social Media Sternchen gewesen bin. Mit der Art von Druck musste ich erst lernen umzugehen. Ich habe mich dann etwa 2 Monate mit dem Selbstmord angefreundet. Das Denkmuster wechselt irgendwann in diesem Prozess von „soll ich?“ zu „Wie machst du es?“. Ich weiß nun ganz genau, dass ich mir nie die Pulsadern aufschneiden würde oder mich erhängen würde. Ich hätte zu viel Angst, das es nicht klappt oder der Schnitt weh tut. Inzwischen ist es allerdings kein Thema mehr, selbst wenn man diese Tabuschwelle irgendwann mal überschritten hat. Ich denke mir in schweren Tagen, wenn Aufträge ausbleiben, Existenzängste um die Ecke kommen, wieso ich mir den ganzen Mist gebe, aber der Ausweg ist nicht das eigene Ableben zu arrangieren.

Es war die ausgehende Nacht meines 32. Geburtstags, wo ich mein damaliges Schweigen brach und mich meiner Ex-Freundin mein Seelenleben eröffnete. Sie hatte bis dahin keinen Schimmer. Ich habe den Suizid damals tatsächlich wegen ihr nicht begangen, das wollte ich ihr nicht antun. Vielleicht war es auch meine Ausrede, um mich davor zu drücken. Wie dem auch sei, es ist nicht wichtig, es hat mir den Arsch gerettet. Das ist alles, was zählt.

Das Schweigen zu brechen, hat dann auch die Wende eingeleitet. Ich habe zwar noch einige Zeit im wirtschaftlichen Abseits verbringen müssen, fand dann etwa über enge Kontakte ein Dreiviertel Jahr später einen neuen Job. Es war gewiss für mein Umfeld eine harte Zeit. Ich hatte das große Glück, dass ich Menschen um mich herum hatte, die mehr an mich geglaubt haben als ich das tat.  

Hilfe annehmen ist keine Schande

Ich verstehe aber, was es bedeutet, wenn der innere Schmerz endlich enden soll. Man möchte ja nicht sterben, sondern das sich die Situation ändert und somit der Schmerz aufhört. Wenn der Druck, der Schmerz, die Demütigung, die Beleidigungen, die Blicke, die Kommentare nicht aufhören. Wenn Du Eins gegen Eins in deinem Kopf gegen dich selbst spielst. Tag ein, Tag aus. Dann wird es irgendwann wirklich schwierig. Solltest Du dich in der Situation wiederfinden, nimm dein Telefon in die Hand und rufe bei der Telefonseelsorge unter 0800-1110111 oder 0800-1110222 an. Es ist kostenlos und anonym. Es ist keine Schande professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Mein tiefster Dank gilt allen Personen, die mich durch diese Zeit ge- und ertragen haben und all das, was sie für mich getan haben. Ohana <3 

Titelbild: Photo by Andy Dutton on Unsplash

Kai Thrun
Author

Hallo, ich bin Kai - der Autor dieses Blogs. Ich berate Unternehmen, damit sie sich in ihrer digitalen Kommunikation verbessern. Ich gebe mein Wissen im Rahmen von Seminaren, Workshops und Vorträgen weiter. Als Social Media Experte kommentiere ich hier im Blog seit 10 Jahren Kampagnen, Reisen und persönliche Erlebnisse.

2 Comments

  1. Roland Schneider Reply

    In einem Punkt möchte ich wiedersprechen.
    Es gibt solche und solche und das Verständnis für den Gesetzgeber.
    Warum werden die Gesetze so gemacht das es die zarten Gemüter so demütigt. Den rauen interessiert es sowieso nicht. Die ziehen das Schmarotzer Dasein durch und zeigen dem Sozialstaat den Mittelfinger.
    Der Staat bestraft die falschen.

  2. Unbekannter #1 Reply

    Sehr lesenswerter und ehrlicher Post. Danke dass du ihn geteilt hast. Da ich mich vor 3 Jahren in einer sehr ähnlichen Situation befand, kann ich nachvollziehen was die Beweggründe für deine Suizidabsichten waren. Ich erinnere mich auch noch wie ich im Zuge der Suizidplanung eine fast geradezu gelassene Grundstimmung empfand…denn immerhin war mir nun ein Ausweg aus meiner Sackgasse gezeigt worden. Auch ich fand durch glückliche Umstände Hilfe. 3 Jahre später ist meine Welt immer noch nicht nur Eitel Sonnenschein (wessen Welt ist aber auch so?) aber durchaus gefestigt und an vielen Tagen bin ich mit meinem Leben ganz zufrieden. Ich bin heute der festen Überzeugung dass es auch am beschissensten Tag des Lebens noch besser ist als tot zu sein. Daran glaube ich fest, und das möchte ich auch dir mitgeben für den Fall dass du eines Tages ein Mantra brauchst . So abgedroschen es klingen mag: Egal wie beschissen dein Leben sich manchmal anfühlt. Es kommen -wie in deinem Fall- auch wieder bessere Zeiten. Halt die Ohren steif!

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