Twitter hat im Rahmen der CES angekündigt, dass es zuküntig eine Option geben soll, die es den Nutzern ermöglicht, den Kreis der Interagierenden einzugrenzen. Die Höchstform ist es, ein sogenanntes Statement abzugeben, wo niemand darauf „antworten“ kann. Ich begrüße dies sehr und es bedeutet nicht das Ende einer Diskussionskultur.

Endlich kommt mal wieder etwas Bewegung in die Social-Media-Welt. Twitter hat angekündigt, dass man seine Tweets zukünftig in vier Privatsphäreeinstellungen absenden kann:

  • Global: jeder kann antworten
  • Gruppe: alle, die dir folgen können antworten und jene, die du Tweet explizit erwähnst
  • Panel: nur Accounts, die in einem Tweet erwähnt werden, können antworten
  • Statement: niemand kann antworten

Es ist keine große Sache, denn ähnliche Einstellungen finden sich in anderen Netzwerken seit jeher. Ich sehe darin keine Beschneidung einer Diskussionskultur von der ich in den letzten Tagen häufiger gelesen habe. Denn so frei und demokratisch wie man sich online angeblich bewegt und virtuell nach einem gesellschaftlichen perfekten Auftreten strebt, funktioniert unsere Gesellschaft nicht. Es würde sonst keine Memes darüber geben, dass wir früher geglaubt haben, mangelnde Bildung hinge mit dem Zugang zum Wissen zusammen. Das ist zwar ein anderes Thema, spiegelt aber in Teilen die stattfindende kognitive Verzerrung wider.

Der Letzte räumt die Twitter-Erde auf

Die Diskussionkultur auf Twitter ist genauso kaputt wie virtuell vielerorts. Machen wir uns nichts vor, nur weil jemand auf meinen Tweet antworten kann, bedeutet dies keinesfalls, das er eine Antwort bekommt. Ich tu dies schon lange nicht mehr. Wieso sollte ich mit einem fremden Menschen über Dinge austauschen, die mich nicht weiter tangieren oder der Diskussion unwesentlich sind, weil Whataboutism mal wieder voll reingekickt hat? Das klingt zwar theoretisch alles sehr romantisch, ist in der Praxis aber nicht immer umsetzbar.

Aufregung ist die Reflexion der eigenen Vorlieben

Die Welt wird nicht untergehen nur weil Twitter eine nützlich und notwendige Funktionen einführt. Es ist vielmehr der Spiegel der Kritiker, dass ihnen eine offensichtliche Möglichkeit des allgemeinen Diskurses genommen wird. Es gleicht teilweise an die Abgesänge des Abendlandes. In den Kommentaren dazu liest man zwischen den Zeilen eigentlich nur folgendes: Mir wird die Möglichkeit genommen auf jeden noch so unwichtigen Kram zu meinen Senf abzugeben. Und das ist mit Verlaub: sehr kurzsichtig.

Selbst wenn Twitter der Ursprung einer digitalen Debatte sein kann, findet diese dort selten statt. Es ist doch so, dass eine Debatte in die breite Masse über andere Netzwerke und Medien getragen wird. Journalisten springen auf ein Thema an, sammeln 7 Tweets dazu und bauen daraus einen Artikel. Diese Artikel werden auf Facebook und WhatsApp geteilt, kommentiert und in die Masse getragen. Ein Thema erreicht dann den Mainstream, der inzwischen vielleicht von Twitter schon etwas gehört hat, aber ansonsten mit dem Netzwerk nicht in Berührung kommtg. Ich mag Twitter seine Relevanz gar nicht absprechen, aber wie hoch ist diese wirklich und wer bemisst dieses?

Alle mal durchatmen und Chancen sehen

Im Prinzip ändert sich nicht viel, denn all die Möglichkeiten gibt es heute bereits. Es steht mir völlig frei, ob ich einen Tweet ignoriere. Ich tue dies wie geschrieben schon mal, denn nicht selten kommt von fremden Menschen wenig Brauchbares über den digitalen Äther gespült. Wie schön wäre es, wenn ich mir dieses Leid zukünftig ersparen könnte? Ein Träumchen!

Da sind wir auch schon beim nächsten Thema: Leid. Die angekündigten Funktionen können dazu dienen, richtig und wichtige Diskussionen in einem Kreise zu führen, wo unsachliche Kommentare einfach in der 2. Reihe warten müssen. Letztlich gehen wir von einer Utopie einer Diskussionskultur aus, die es so nicht gibt.
Wenn jemand ein Statement setzt, um ein Thema zu beenden, muss es nicht die Möglichkeit geben, Hunderte von Hasstiraden hinterher schicken zu können. Vielmehr ist es doch wie „im echten Leben“, wo jeder bestimmt, mit wem er debattieren möchte und wann der gemeinsame Diskurs ein Ende findet.

Ich plädiere dafür, dass wir zuallererst die Chancen sehen. Wenn ich überlege, welch großartige Formate aus diesen Funktionen entstehen können; gesteuerte Diskussionen, wo in Expertenrunden über Themen geschrieben wird (im Vorfeld von Konferenzen, Redaktionen etc), Veröffentlichungen von Behörden, wo es keinen Kommentar bedarf oder einfach der Realtalk mit der eigenen Community, wenn man Absender ist. Unter diesem Gesichtspunkt empfinde ich es als eine echter Bereicherung für das Netzwerk, was eben auch voller Bots und Trollen ist. Es fühlt sich fast so an, als hätte Twitter die richtige Medizin gefunden haben.

Die Aufregung ist wahrscheinlich größer, als die Veränderungen die mit dieser Option tatsächlich stattfinden werden. Denn jene, die über etwas debattieren möchten, werden dies ohnehin tun. Sie werden einen Tweet schreiben, wo sie ihre Meinung kund tun werden. Sie werden sich zukünftig noch zusätzlich darüber echauffieren, dass sie bzw. ihr Ego nicht an dem originären Thread teilnehmen dürfen. Dieses Verhalten offenbart nicht nur den eigenen Narzissmus, sondern dass es dem Absender in der ersten Linie weniger um die Sache geht. Wer gewillt ist, seinen unaufgeforderten Kommentar zu einem Thema abzugeben, wird dies ohnehin auf seinen Kanälen tun, unabhängig davon, ob er auf den originären Tweet antworten kann oder nicht. Denn dieser muss nicht einmal Twitter heißen.

Kai Thrun
Author

Hallo, ich bin Kai - der Autor dieses Blogs. Ich berate Unternehmen, damit sie sich in ihrer digitalen Kommunikation verbessern. Ich gebe mein Wissen im Rahmen von Seminaren, Workshops und Vorträgen weiter. Als Social Media Experte kommentiere ich hier im Blog seit 10 Jahren Kampagnen, Reisen und persönliche Erlebnisse.

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