Mein Leben ist anders, als mein Facebook Profil es dich glauben lässt

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Vor einigen Wochen unterhielt ich mich mit einer Freundin aus Schulzeiten. Wir sehen uns sehr selten, ich bin ständig auf Achse, sie lebt in Barcelona. Ein Satz, der hängengeblieben ist, dass sie sich freue, dass es bei mir endlich richtig gut laufen würde. In dem Moment fragte ich mich, wie sie wohl zu dem Schluss kam. Einen entscheidenden Hinweis sollte mir diese Woche ein Video liefern.

Es ist kein Geheimnis, dass ein Facebook Profil in der Regel nicht alle Facetten des Lebens widerspiegelt bzw. widerspiegeln sollte. Medienprofis ist dies klar, immerhin geht es über die eigene Publikation hinaus (z.B. einen Blog), eine Reputation zu wahren oder aufzubauen. Bevor ich aber tiefer ins Thema einsteige, möchte ich euch bitten, dass eindrucksvolle Video von HigtonBros zu schauen. Es visualisiert exzellent ein Problem? Phänomen? unserer Zeit.

Hyperbolic Newsfeed

Wer in sozialen Netzwerken unterwegs ist, wird früher oder später an einige Faustregeln gelangen. »Sage nichts, was Du nicht auch außerhalb der eigenen 4 Wände sagen würdest«, ist eine davon. Dieser Katalysator wird im Netz natürlich verstärkt, denn ich bekomme viele beeindruckende Situationen serviert. In meinem Fall und in vielen von euren sicherlich noch ein Stück extremer, immerhin bewegen sich viele von uns im Medienumfeld. Ich muss mitanschauen, wie Sascha mit einem RS6 nach Frankreich fährt (Neid!), wie Milos und Achim nach Brasilien fliegen (Neid!), wie andere Blogger ständig durch die Gegend fliegen, Spanien, Italien, Asien, USA, Norwegen und was sonst noch alles durch meine Timeline und den Newsfeed gespühlt wird, was 8 Zylinder oder 8 CPU-Kerne hat. Und in Zeiten, wo es einem nicht gut geht, kann das auch kontraproduktiv sein. Ich durfte diese Erfahrung machen, ich hatte eine solche depressive Phase. (Um Missverständnisse zu vermeiden, ich bin nicht neidisch auf die erwähnten Beispiele, ich freue mich für jeden, der seinen Weg macht)

An eigene Regeln halten

Es liegt wenige Jahre zurück, als es mir monatelang mental nicht gut ging. Beobachter meiner öffentlichen Profile werden dies bemerkt haben, ganz wenige haben mich darauf angesprochen. Ich habe in dieser Zeit gelernt, dass ich die Finger von der Tastatur lasse, wenn ich schlechte Laune habe. Eine Regel, die auch sehr verbreitet ist. Aber wie mit allen Weisheiten und Kalendersprüchen: Man muss sich daran halten. Meine Rants waren zwar gut geklickt und haben Zuspruch erhalten, haben mich aber mindestens 1 Jobzusage gekostet. Mit den Erfahrungen kommen auch neue Verhaltensweisen, wie z.B. schlechten Dingen keinen Raum zu geben.

Rockstars, Glamour, Fame

Das Leben eines Rockstars führen wohl die Wenigsten mit denen ich auf Facebook befreundet bin. Der Glamour, der durch die Timelines versprüht wird, ist nur ein sequenzieller Ausschnitt. Im Prinzip ist es eine Fehlinterpretation unserer Wahrnehmung. Wenn ein Autoblogger ein Foto eines – sagen wir Jaguar F-Type Coupe – oder irgendeine andere Carporn-Sünde auf schwarzen Kautschukschühchen postet, bekommt er dafür Aufmerksamkeit in Form von Likes und Kommentaren. Es bedarf als Leser schon an Erfahrung und großem Fingerspitzengefühl, um zu erkennen, ob es sich um ein »Bin heute hier, coole Sache, ich freu mich«-Beitrag handelt oder ob es einer dieser berüchtigten Social-Fame-Shares ist. Dieser feine Unterschied korreliert mit der Wahrnehmung der Person im Allgemeinen.

Reputation als Währung

Ich diene als schlechtes Beispiel, weil ich als Blogger bemüht bin, eine halbwegs vertretbare Außendarstellung zu bieten. Allein die Tatsache, dass ich mir darüber aktiv Gedanken machen muss, hebt mich von einem durchschnittlichen Profil ab. Ich meine dabei jetzt nicht ein überpoliertes Image. Wer jedoch mit seinem Hobby/ Leidenschaft Geld verdient oder verdienen möchte (unabhängig von der Höhe), wird nicht drumrum kommen, sich im öffentlichen Raum irgendwie zu benehmen. Eine professionelle Haltung wird von jedem Geschäftspartner erwartet. Reputation ist eine Währung. Die »Reichweite« eines Blogs, der Profile in den Netzwerken, sowie die quantitative Größe des dahinter sitzenden Netzwerks ist eine Währung. Ich halte es zumindest für unwahrscheinlich, dass ich irgendwas besuchen, testen oder erleben darf, weil ich so nett wäre. Dies sind nur weitere Gründe für ein scheinbar positiv wirkendes Profil. Ich hätte auch sagen können, private Dinge bleiben privat.

Zeichnung: Demetri Martin, Autor von "This Is A Book"

Zeichnung: Demetri Martin, Autor von „This Is A Book

Die Arbeit liegt im Verborgenen

Bei all den schönen Seiten, die das Bloggen irgendwann vielleicht mit sich bringen kann, bleibt auch gern eines verschwiegen: Bloggen ist Arbeit. Aber wieso sollte ich das erzählen? Jedes Hobby wird zur Arbeit, wenn ihr es irgendwann semi-professionell betreibt. Aber ich kann nicht 3x die Woche schreiben, das ich hundemüde bin, weil mein Wecker früher klingelt als er müsste. Ich schreibe so schon genug uninteressanten Kram ins Internet. Natürlich ist es an Wochenenden manchmal müßig und es gibt Tage, da macht Bloggen mit all seinen Facetten auch überhaupt furchtbar gar keinen Spaß. Ich habe mir das aber so ausgesucht.

Neben dem Reisen und Selfies machen, muss ich scheinbar Texte schreiben, Videos machen und bearbeiten, Rechnungen schreiben, Kontakte pflegen, Termine organisieren, Flüge buchen und sich andere Zeitfresser vom Hals halten. Während ich diesen Text schreibe, sitze ich bereits 5,5 Stunden im Zug und werde später Deutschland – USA irgendwo auf/im/am dem Bodensee schauen. Davon werde ich ein tolles Bild auf Facebook posten und es wird 12 Likes bekommen. Diese 12 Likes „kosten“ mich 2 Urlaubstage, wovon die reine Reisezeit 12 Stunden beträgt, die Veranstaltung dauert 5 Stunden. Es soll nicht so wirken, als würde ich das schrecklich finden – ich liebe es. Aber hört bitte auf zu glauben, es würde mir oder anderen einfach so zufliegen.

Gute wie schlechte Tage

Es ist bei mir genauso, wie bei jedem anderen Mensch auch (wieso sollte dies auch anders sein?). Ich habe genauso miese und richtig miese Tage. Tage, an denen man einfach alles hinschmeißen will. Wo der Blog nicht gut genug ist, nicht genug Geld abwirft, nicht genug Besucher kommen, ich nicht genug schreibe, ich mir selbst nicht gut genug bin. Tage, an denen ich meine »Erfolge« in Frage stelle, mich reflektiere und mit dem Ergebnis unzufrieden bin. Phasen, in denen ich mir zu viel zumute und am Ende völlig verkrampfe. Dann keimen auch Fragen auf, wieso man das überhaupt macht oder einfach eine Story verpennt. Protonet habe ich schlicht vorher verpennt. IKEA Hacker und seine Abmahnung – 3 Tage vorher auf die Schreibliste gelegt. Bei beiden Beispielen gucke ich dann zu, wie die Geschichten durch die Decken gehen und ich sitze vor dem Rechner und summe: hätte, hätte, Fahrradkette. Danach wische ich mir den Mund ab, rücke mein Krönchen zurecht und mache weiter.

I’ve got 99 Problems – my Facebook Profil ain’t one