Es ist schon eine Weile so, dass es auf mich den Anschein hat, dass oftmals Potenzial einfach flöten geht – weil interessante Stellen mit mittelmäßigem Personal besetzt wird. Mir fehlt es gerade in Sachen „inHouse“-PR, Social Media, Digital Relationship Management an Leuten, die so richtig Feuer im Popes haben. Eben Leute, bei denen man sagt: Besser passt es nicht.

Erst am Wochenende kamen wir kurz auf das Thema, dass insbesondere Außergewöhnliches bei vielen deutschen Unternehmen nicht möglich ist. Dazu benötigt man Geld (was gern eine Ausrede ist) und Mut (welcher nicht vorhanden ist). Der Geld-Grund wird zwar oft vorgeschoben. Wenn ich aber aktuell auf ein Cola-Orange Gemisch schaue und dort lese: 1x 1 Mio Euro, 100.000 50€ Gutschein, u.v.m. dann scheint wohl doch Geld vorhanden zu sein. Microsoft lässt sich seine Windows 8 Einführung schlappe 500 Mio Kosten.

Probleme lösen, die niemand hat

Der Punkt ist einfach, dass Außergewöhnliches länger hängen bleibt und Freaks/Geeks/Nerds/Euphoristen einfach auf Ideen kommen und Probleme lösen, die es nicht gibt.

Ein aktuelles Beispiel ist die einschlafende Automobil-Branche. Ja, sie mögen sich öffnen. Aber nur zu klatschen, weil man zum Dialog mit den Netz bereit ist, ist genauso wie klatschen im Flugzeug: völlig Banane. Opel wirbt derzeit mit einen Fahrradständer, ergonomischen Sitzen und Lenkradheizung. Ich bin nicht die Zielgruppe, finde die Kampagne dennoch nicht ansprechend.

Es richtig krachen lassen

Ein amerikanischer Rallye-Fahrer knallt währenddessen durch Frisco. Keine Frage: Natürlich spreche ich von Ken Block und dem gestern erschienen Gymkhana Five. Ken Block vermarktet in dem Video nicht nur sich, sondern auch seine Firma DC-Shoes als auch Ford.

Dass ich durch die 4 vorherigen Teile mich bewusst für DC-Shoes entschieden habe, musste ich leider feststellen. Soweit hat das Video schon mal funktioniert und immerhin wurde es in den ersten 24 Stunden 5 Mio Mal aufgerufen. Darüber haben berichtet u.a. TNW, Mashable, Adweek, Welt Online, Spiegel Online, N-TV.de, Auto Motor Sport… sollte neben den „paar Klicks“ auch etwas PR abbekommen haben.

Es wurden gestern aber schon stimmen laut, dass Ford doch bitte einen solchen Fiesta in Serie auflegen sollte. Ich gebe ja zu, dass auch ich diesen Wunsch hege. Dabei muss es kein Monstrum mit 650PS sein – eine andere Karosse für den Fiesta RT inkl. der Lackierung würde es auch tun. 180PS sollten reichen, ggf. legt man eben noch etwas drauf. Ich habe dann überlegt, wann denn die letzte wirkliche „coole Kiste“ gebaut worden ist. Sondereditionen sind irgendwie vom Markt verschwunden (außer für die ältere Zielgruppe). Natürlich hat ein 2er Golf Fire & Ice Innenraumausstattung (oder die GTI) zu haben und auf einen Ford Escort gehört ein Cosworth-Flügel. Letzteres ist nicht schön, aber legendär. Um einen Haken über die Automobilbranche zu machen: Es herrscht zu viel Einheitsbrei.

Herzblut kann man nicht erlernen

Was sich auf den ersten Blick romantisch anhört, kommt eben zu Ergebnissen wie 5 Gymkhana Teilen – Teil 3 liegt mit 44 Mio Aufrufen sicher weit vorn (der wirbt für Schuhe! und sicherlich das Auto), Hotwheels fährt einen Doppellooping und in Belgien ist Drama angesagt. Kurzum es entstehen Prozesse und vor allem Denkwege, die sonst (mit Glück) aus einer guten Agentur kommen. Natürlich kann eine Agentur nicht im vollen Umfang ersetzt werden, aber die Hingabe, die ein (positiv) Besessener in ein Unternehmen bringt, kann man für Geld nicht kaufen und wird auch von keiner Universität bescheinigt werden.

Ansprechpartner für Gleichgesinnte (Nerds?)

Wer bürokratisch eine Kostenstelle benötigt, wird dies unter Versuchseinheit und oder Innovationsteam buchen können. Diese Besessenen könnten dann evtl. auch das Community Management übernehmen und die Firma im Social Web präsentieren.

Denn es ist eben nach wie vor inspirierend, wenn Menschen von einer Sache berührt sind. Es ist völlig egal, ob wir uns für das Thema interessieren, wir schauen es uns erst mal an. Und wenn ein erwachsener Mann zu Tränen gerührt ist, wenn er über seine Arbeit spricht, dann scheinen sie etwas erschaffen zu haben, was besonders ist. Disney ist zwar bekannt für solche Momente, aber im folgenden Video sollte man bei 8:55 einsteigen und bis 10:05 schauen.

Es bleibt nichts anderes im Kopf hängen als das Besondere. Dinge, die wunderbar sind – in welcher Form auch immer. Es gibt immer etwas, was man noch hätte tun können, um dem Kunden ein besseres Gefühl zu geben. Und selbst wenn ich ein emotionsloses Produkt habe, kann ich seine Anfrage mit Hingabe erfüllen. Dies macht oft den Unterschied aus, so „berechnend“ (besonders digital) die Welt geworden sein mag. Das ist sie nicht.

Mit einem „Besessenen“ habe ich auch jemanden, der hinter dem Produkt steht – ohne ihn selbst je davon überzeugen zu müssen. Es gibt so viele Vorteile, die man nicht lehren kann. Ich wünsche mir einfach mehr von solchen Leuten (auch und gerade online)…

14 Responses

  1. Martin Reti

    Wieder mal ein klasse Post. Aber zu den Begeisterten braucht man noch mindestens zwei weitere Funktionen, dass das im Ganzen tut: den Kreativen, der die Idee auch in Szene setzen kann ( hier: die Agentur?) und den Promotor, der die Idee intern mit Geschick durchkämpft. Und letzterer ist noch seltener zu finden

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    • Kai Thrun

      Hallo Martin,

      danke für die Zustimmung. Das kann man sicher auch in Personalunion machen. Es gibt auch sicherlich viele Leute, die gute Ideen haben und dann von ihrem (unfähigen) Vorgesetzten abgewürgt werden – keine Frage.

      Mir geht es letztlich um das Ergebnis, was ich als Kunde zu Gesicht bekomme (der Entstehungsprozess ist dann nicht mehr relevant).

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  2. iF

    Gut gebrüllt, Lion King! 🙂

    Ich bin da neusprechmäßig „voll bei Dir“, keine Frage.

    Doch eines zeigt die eigene Erfahrung in diversen Firmen in den letzten Jahren / Jahrzehnten: Der Fisch stinkt vom Kopf.

    Es gibt immer wieder MAs mit (teilweise) großartigen Ideen! Und diese (die Ideen!) sterben dann … teilweise beim direkten Vorgesetzten („Das KANN und WILL ich nicht kommunizieren!“) oder final beim Big Boss („Nee.“).

    Lief ja auch vorher okay. Wobei „okay“ mit „LaLa, Luft nach oben!!1!“ übersetzt werden kann.

    Aber dit sieht der Entscheider nicht. Weil er ja ggf. einen Miss Erfolg verantworten muss.

    Business as usual saves its ass.

    So isses.

    Dauert noch, bis sich das ändert.

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    • Jens

      Hallo iF und alle zusammen,

      ich glaube hier werden crowd sourcing Plattformen wie kickstarter neue Möglichkeiten schaffen, so dass auch wieder mehr Überraschendes und nicht ganz so mainstream zu sehen sein wird.
      Da sind schon heute ein paar Verrückte unterwegs mit erstaunlichen Ergebnissen…

      Gruss

      Jens

      Antworten
      • Kai Thrun

        Hallo Jens,

        da gebe ich dir völlig Recht und ich hoffe, dass die ein oder andere Kickstarter-Idee so richtig den großen dahin tritt, wo es weh tut. Also in die Blianz 😉

        Viele Grüße,
        Kai

    • Kai Thrun

      ist eigentlich nur gesprochen 😉
      In der Tat, es ist oft so – leider. Aber irgendwer muss sich hinstellen und hier ein Umdenken einfordern und wenn ich dann letztlich so ein Tagträumer, wie ich es bin, ist.

      Ich hoffe auf „the next generation“

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  3. Mella

    Schöner Beitrag. Das Problem ist, dass nur für die Masse produziert wird. Das Auto soll nicht nur einigen, sondern möglichst allen gefallen, Jedes Auto soll gleichzeitig für Singles, Familien, Geschäftsreisende etc gelten. Das kann nicht gut gehen und Eierlegendewollmilchsauen können nicht gut vermarktet werden, weil das Produkt nur aus Kompromissen besteht.
    Wir hatten das Glück einen 1 Golf GTI Pirelli Edition in weiß zu besitzen. Er ist 19,5 Jahre alt geworden, bis ein Unfall…..
    Gibt es noch Autos die so alt werden?
    Gibt es noch Autos, bei denen man an der Tankstelle angesprochen wird.
    Gibt es noch Autos, auf die mit Finger gezeigt werden?

    Nein, zumindest nicht mehr als Serienfahrzeug, auch wenn der Pirelli-Golf eine Sonderedition war und wir eine seltene Farbe hatten……

    Ich vermisse dieses Auto, denn der war sparsamer und spritziger als die meisten heutigen Autos.

    Hat aber auch nicht die Masse bedient (schon mal versucht einen Kinderwagen da unterzubringen? Wir schon *grins*)

    LG Mella

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    • Kai Thrun

      Und ein iPhone oder iPad ist kein Massenprodukt? Ich habe Apple bewusst in dem Beitrag weggelassen, aber es ist auch möglich dies für den Massenmarkt zu produzieren.
      Wieso halten sich denn bestimmte Schuhe für die Ewigkeit? Nike Air aus den 90ern, was heute noch als Classic verkauft wird z.B. – und ja, der Pirelli GTI war schon ein schönes Stück Technik.

      Ich erinnere mich da auch an dieses „Creme-weiss“ was nur Audi hatte. Eine Farbei, die ich heute vermisse.

      Natürlich ist es so, dass ich mit bestimmten Produktkategorien andere eben gezielt nicht ansprechen werde. Der Pfennigfuchser ist kein Apple-Käufer. Der Sparsame kauft sich keinen V8. Und ein Weber-Grill macht letztlich auch nur das Fleisch schwarz, wenn man es vergisst… es ist die Nuance, die entscheidet.

      LG Kai

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  4. Mella

    Wie gesagt, Apple ist mittlerweile ein Massenprodukt, doch die sind mit einer anderen Philosophie dran gegangen – passt Euch unserem einfachen Gerät an, oder nicht. Der Kunde war nicht das A und O.
    Und die Schuhe halten für die Ewigkeit, weil sie nicht für die Masse sind. Es sind die kultigen Leute die das tragen, aber kaum jemand, den ich kenne wir tragen alle Nike normal. Auch wieder nicht die Masse

    Dass irgendwann die Masse drauf abfliegt – wunderbar. Golfs wurden und werden immer noch wie blöd verkauft, aber der Pirelli war echt was ganz besonderes.

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  5. stooni

    Hallo Kai,

    Super Post, der Clip in San Francisco, finde ich echt auch cool!

    Ich liebe es wenn Du los lässt und Deine Meinung sagst!!

    —-stooni

    Antworten
  6. Denis

    Toller Post, ganz genau so sieht es aus – und ein „Besessener“ kann auch seine Glaubwürdigkeit viel besser rüberbringen, als die Tante aus der Waschmittelwerbung. Und dazu ist es noch ehrlich. 🙂

    Antworten

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