Vielleicht müsste ich mich vorweg bei dem einen oder anderen Leser entschuldigen, denn in der vergangenen Woche waren einige Leute von einem Hörsaalslam Video etwas genervt. Die Welle ist noch nicht vorbei, aber es ebbt langsam ab. Ich habe die Abläufe einmal niedergeschrieben.

Eine Zahlenanalyse findet hier nicht statt. Ich werde dies gesondert aufbereiten und kommentieren. Sowie welche Maßnahmen Du dann ergreifen kannst, wenn bei Dir mal die Post abgeht.

Alles beginnt mit 5000 Views

Es ist der 11. Januar, ich sitze in meinem Büro in Alfeld und streife durch das Netz. Auf Facebook schlägt mir ein Video entgegen, welches Anna-Lena Radünz privat teilte. Ich schaue mir das Video an. Mein 1. Gedanke ist, dass es so ziemlich alles hat, um die Runde zu machen. Was im Nachhinein unheimlich selbstbeweihrauchend klingt, habe ich Julia Engelmann glücklicherweise bereits geschrieben als die 1000 erreicht worden ist. Machen wir uns nichts vor, so etwas ist nicht planbar.

Was mich stutzig machte, dass das Video 6 Monate online ist und erst 5000 Aufrufe hatte. Ich fand es jedoch gut und ich sammele Web-Fundstücke. Es passte auch in die Reihe, jemandem den inneren Spiegel vorhalten, die kürzlich hier thematisiert wurde (Dove / Kellogs). Dies tut Julia Engelmann in der Mitte des Videos, wo sich die Ansprache dreht und Julia das Wort »Du« benutzt.

Wer ist Julia Engelmann?

Bis vergangenen Montag (13. Januar) habe ich Julia Engelmann für eine Bremer Studentin gehalten, die beim Hörsaal-Slam gut ins Mikro spricht. Im Büro angekommen wurde ich von der Auszubildenden erst einmal aufgeklärt, dass das „die von AWZ“ ist. Nach der Recherche, was AWZ ist, treffe ich auf den Wikipedia-Eintrag. Herrje, das kann ja spannend werden. (Notiz an mich: Besser recherchieren.)

Montag fallen die 1000

Am Montag steigen die Zugriffszahlen in unbekannte Dimensionen. Am frühen Nachmittag fallen die 1000 Facebook-Interaktionen (der Counter zählt Likes, Shares und Kommentare). Es ist verrückt, die ersten Glückwünsche trudeln ein. Die Kollegen prognostizieren schon die Uhrzeit für 10000 und ich scherze: „Ach naja, dann machen wir Freitag den Blog einfach zu, weil er Vorjahrs-Niveau erreicht hat“.

Vorhersagen kann man sich sparen

Zugegeben, ich beschäftige mich mit nicht viel anderem als Kommunikation, menschlichem Verhalten, Social Media und Sprachnuancen und hinter vorgehaltener Hand gibt man vorsichtig Prognosen ab. Ich dachte am Dienstag, wir hätten den Peak erreicht. Das Video schwappte vor sich hin. Der Blog verzeichnete zwar einen Alltime-Besucherrekord, aber ich ging davon aus, der Peak wäre erreicht. Heute bin ich schlauer: Alles falsch.

1000 Interaktionen in 8 Minuten

Da sich Dienstag der Besucherstrom zu Montag verdreifacht hatte, ging ich irrtümlich davon aus, es ebbt ab. Dies tat es nicht. Mittwoch war es gefühlt besser zum Dienstag und der Ansturm wuchs weiter.

Am Donnerstag waren berühmten 15-18% Marktpenetration erreicht (wenn man Rogers Diffussionstheorie anlegt, die ich liebe), die Lücke zur Early Majority war geschlossen und die Besuche schossen nach oben. Der Webspace hielt lange, aber um 19 Uhr war Feierabend. Server bricht unter der Last zusammen. Nach etlichen Diskussionen mit der Hotline geht der Blog mit technischen Restriktionen (Details unbekannt) wieder online. In der Spitze benötigt es 8 Minuten für 1000 Interaktionen. Facebook beginnt den Button zu cachen (cachen = Zwischenspeichern um Rechenlast zu mindern).

Die Diffusionstheorie nach Rogers

Um 23:10 fliegt der Server erneut ab. Der Hotline-Mitarbeiter erklärt mir recht unfreundlich, ich müsse nicht jedes Mal anrufen. Ich erkläre ihm, ich werde es dennoch tun, wenn der Blog nicht online sei und gehe ins Bett.

Die Nerven liegen ziemlich blank

Freitagmorgen ist das erste Bild: 403 Forbidden. Der Webspace ist durch die Restriktionen gerasselt und ist erneut offline – um 6:30 Uhr in der Früh. Ich entscheide mich nicht die Hotline anzurufen, denn in 30-45 Minuten würde ja alles wieder gehen. Um 8 Uhr rufe ich die Hotline an und lande in einer Katastrophe. Der Supportmitarbeiter ist netter als seine 2 Kollegen zuvor, versucht mich aber auch für dumm zu verkaufen. Ich teile ihm mit, dass ein Umzug auf einen größeren Server per SSH nicht länger als 10 Minuten dauern kann. Auf meine Forderung mir eine kostenpflichtige Lösung anzubieten geht er nicht ein. Er bewirkt aber, dass die Seite wieder erreichbar ist. Ich aktiviere ein Monitoring, welches alle 5 Minuten den Status des Blogs checkt, denn das Vertrauen in Hoster und Service ist weg.

Inzwischen hat der Counter die 50000 durchbrochen und es ist kein Ende in Sicht. Die Besucherzahlen sind geringer, dafür aber gleichbleibender. Ich vermute, man hat hier einen Riegel vorgeschoben, damit die Seite nicht erneut abschmiert. Nüchtern betrachtet eigentlich eine solide Leistung, wenn da nicht Servicemitarbeiter 1 & 2 gewesen wären. Donnerstag war die Spitze mit etwa 38000 Interaktionen erreicht.

Der Kampf um den Kuchen ist härter geworden, denn das Video ist Freitag auch beim Stern, N24, Focus oder dem Express zu finden. Ich weiß, jetzt ist der Zeitpunkt, wo ich mich auf keinen Fall verstecken darf. Es ist für einige Freunde sicherlich nervig und ich würde es auch nervtötend finden, aber auf der anderen Seite weiß ich auch, wie das Medienspiel funktioniert.

100.000 Facebook Interaktionen

Die unfassbare Marke von 100.000 Facebook-Interaktionen wird Samstagabend durchbrochen. Der Samstag fühlt sich schwächer an und ich muss mit dem Hintergedanken leben: Hoffentlich raucht dir nicht der Webspace ab. Tut er nicht und die Zugriffszahlen sinken nur um 5% ab. Ich erfreue mich über Nennungen in RP Online und Kölnische Rundschau, denn natürlich haben Kritiker recht: Ich habe kein Anrecht auf eine Nennung. Was sie dabei vergessen ist, dass ich diesen Anspruch nie erhoben habe. Und mal Hand aufs Herz: Ihr hattet ein halbes Jahr Zeit das Video selbst zu verarbeiten.

Insgesamt gelassener

Es hat einen riesen Vorteil, wenn man so etwas schon in ähnlicher Form erlebt hat. Nur war ich damals der Autor als ich über die Vermutung von gekauften Shitstorms schrieb. Die mediale Aufmerksamkeit war damals stärker auf mich gerichtet. Zumindest stand diesmal das Telefon still. Der Erfahrungsschatz aus dem Kleinformat sollte mich davor schützen, diesmal aus dem Tritt zu kommen.

Ich glaube nicht, dass ich die 100.000 noch einmal knacken werde. Ich dachte aber auch nach August 2012, dass ich nie wieder ein Thema zum Thema machen würde.

Nachtrag: 3 Sekunden RTL

Eigentlich war der Artikel zu Ende, doch 10 Minuten nachdem ich fertig war mit schreiben, erschien bei RTL Nachrichten ein Beitrag über Julias Auftritt. Twitterer machten mich darauf aufmerksam und ich stand gespannt vor dem TV. Und auf einmal waren sie da: buchstäbliche 3 Sekunden Ruhm. 3 Sekunden TV-Präsenz. Meine Freude überschlägt sich.

Kleiner Blog, große Bühne

Es ist nicht der Stern, N24 oder ein anderes journalistisches Format. Es bedeutet mir viel, dass der Blogger gezeigt wird. Ich bin seit jeher davon überzeugt, dass es wichtig ist, dass wir uns Blogger zeigen, wenn wir die Möglichkeit haben. Es ist egal welche Branche oder welches Thema. Ich werde so lange nerven bis es völliger Alltag ist, dass Blogger als Nachrichtenquelle genannt werden.

Kommt Freunde, schreibt eure Geschichten!

(Bildnachweise: Shutterstock)

25 Responses

  1. Marc

    Danke für diese Einblicke hinter die Geschichte der Geschichte und Glückwunsch zu den „drei Sekunden Ruhm“ – die sicherlich auch noch länger anhalten 🙂

    Ich habe mich in der Tat auch gefragt, wie der Clip sechs Monate quasi unbeachtet auf YouTube schlummern konnte, habe aber keine Antwort erhalten.

    Noch eine abschließende Frage: was ist AWS? Oder meinst Du AWZ (Alles was zählt?

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  2. Zeitzeugin

    Ich würde mich freuen, wenn Blogger wegen ihrer eigenen Inhalte „viral gehen“, statt, wie sonst immer, wegen fremder. Schade eigentlich.

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    • Kai Thrun

      Das bin ich in kleinerer Form 2012. Es ist ein langer Weg, den die Ersten bestreiten müssen. Ich glaube daran, dass wir es heute sind, die den Weg ebnen müssen. Und in der Masse sind Blogs noch lange nicht angekommen.

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  3. Lucas

    Zu Beginn:
    Du meinst doch sicherlich AWZ oder!? 🙂 Wenn das RTL lesen würde :p

    Und zum Beitrag:
    Danke für den umfangreichen Einblick und Glückwunsch an dieser Stelle.

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  4. Tito (@_T1t0_)

    Genau! AWZ! Verdammt, als ich das gerade las… Ich wusste auch, die kommt mir bekannt vor! Konnte es nicht zuordnen. Mein Weibchen schaut immer die Soaps, ich bekomms natürlich auch mit nem Tablet in der Hand mit. AWZ, genau das wars… 🙂

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  5. Hubert

    Lieber Kai – ich gönne es Dir von Herzen!

    Schmunzeln musste ich dann aber schon, als Du angefangen hast, auf den Hoster zu schimpfen.. Du weisst warum ;))

    Und jetzt – ab zur Million :))

    Freu mich auf das #sca14 – und lass dafür das Bodenseecamp saussen, zumindest, wenn ich ein Ticket bekomm ;))

    Bis bald mal wieder!

    Hubert

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  6. Maik

    Danke für die transparenten und interessanten Einblicke! Ich fühle mit dir, muss eine unglaubliche Achterbahnfahrt gewesen sein. Tolle Story.

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  7. Victu

    Vielen Dank für den Einblick und den Ablauf. Das die Webseite abgeraucht ist, ist natürlich ärgerlich. Allerdings sind meine Erfahrungen mit 1&1 sowie Strato die selben. Support = 0

    Jedenfalls jetzt funktioniert es ja erst mal wieder und du hast viele neue Besucher bekommen. Freut mich für dich.

    Antworten
    • Kai Thrun

      Das die Webseite abgeraucht ist, ist völlig ok. Was ich halt schade finde ist, dass ich das Gefühl hatte, man wollte mir nicht so richtig weiterhelfen. Das hat mich eigentlich geärgert, oder wenigsten ein paar Tage auf eine dickere Maschine /weniger Hosts gegen Entgelt. Zumal ich es aktiv gefordert habe, dass er mir eine kostenpflichtige Lösung anbietet.

      Ansonsten ist das natürlich super, keine Frage.

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  8. Nils

    Ebenfalls Danke für die schöne Einsicht und Gratulation zu den zahlreichen neuen Besuchern.

    Gezeichnet,
    ein Ignorant/Bummler

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  9. Rainer Ohliger

    „Eigentlich war der Artikel zu Ende, doch 10 Minuten nachdem ich fertig war mit schreiben, erscheinte bei RTL Nachrichten ein Beitrag über Julias Auftritt.“

    Das ist sprachliche Avantgarde: „erscheinte“, sozusagen eine Erscheinung der dritten grammatikalischen Art, antizipative Rechtschreibreform, das gildet aber nicht, habe ich gedenkt.

    ro

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  10. Beobachter

    Da kannst Du dich glücklich schätzen, daß RTL nicht „Quelle: Internet“ angegeben hat, so wie es eine bestimmte Möchtegern-Zeitung gern tut.

    Genieße den Ruhm. Und ja es wird ganz normal werden, Blogger als gleichberechtigte Nachrichtenquelle zu nennen.

    Antworten
  11. Harry

    Gerade in der jetzigen Zeit, in der es an jeder Ecke heißt „du musst guten Content machen um erfolgreich zu sein“, und dir jeder erzählen möchte, dass du den „krassesten Scheiss“ produzieren musst, finde ich es sehr spannend zu sehen, dass der „krasseste Scheiss“ eben auch erst viral geht, wenn er ordentlich geseedet wird…

    Antworten

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